Balmorra - Belagerung (3)

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  • Im Feldlager, das im Schutz des auf der Anhöhe liegenden Kommandostands und damit in einem spendablen Schatten vor der Mittagssonne lag, stampfte Calk zu seinen Kameraden. Sie saßen dort und hatten in der Zeit des Wartens auf eine Entscheidung des Feldzugkommandos allerlei Muse gehabt sich anderweitig zu beschäftigen. Die Stimmung war herrlich entspannt, fast wie Urlaub dachte Tzarich, der an einem Tisch mit den Soldaten Brocks, Nero, Hefferton und der Feldsanitäterin Leylor saß. Tzarich war ein hagerer Mann und hatte die Dienstjahre bis zu seiner Versetzung ins Fünfte in der Reserve abgesessen, anstatt irgendwelche Schlachtfelder aus der ersten Reihe zu sehen – Zu ihm kamen immer bloß die Resultate, die Statistiken und unzähligen, mit fortgeschrittenen Logarithmen ausgewerteten Gefechtsergebnisse der Artillerie, denn in der Reserve war er zuständig für die Weiterleitung der Nachschubanforderungen seines ehemaligen Vorgesetzten Master Sergeant Nox, mimte dessen Adjutant, eine Position, die er gern zurück hätte, denn er wusste wie haarig es bereits in der Vergangenheit an den festgefressenen Fronten Balmorras war, als die Republik noch aktiver auf diesem Planeten agierte, doch auch nun, nachdem die Konflikte in Guerillaartige Kämpfe asynchroner Beschaffenheit drifteten war ihm eine Position im klimatisierten Schatten der weitläufigen Kaserne Sobrik lieber. Ein Umstand, der ihm missfiel, weil es selbst die erfahrenen Kommandanten verunsicherte, wenn es keine klaren Frontlinien mehr gab und keine Truppenbewegungen, die beobachtet werden könnten. Schnelle Schläge, feige Schläge, dachte Tzarich. „Hey, hey Don, du bist dran. Hefferton hat gepasst, ziehst du mit?“ Don, sein Name, die Kurzform von Donvald. Seine stahlgrauen Augen, die ihn für seine dreißig Jahre viel zu alt aussehen ließen richteten sich auf das Sabacc-Spiel, das sie im Kreis am kompakten Tisch sitzend irgendwie auf das Metall gequetscht hatten. Es war Leylors Stimme, die einzige Frau in ihrem Feuerteam und ihr Feldsanitäter, von jungem Blut. Tzarich schätzte sie auf keine fünfundzwanzig.

    Noch ehe der hagere Kerl mit dem kantigen, etwas abgemagert wirkenden Gesicht antworten konnte pflasterte Calk seinen Helm prompt in die Ansammlung von Karten, Spielchips, einigen gesetzten Credits und Neros Kampfmesser, das er auch auf den Tisch gelegt hatte. Es klimperte in einem lustig bunten Ton, dominiert von den Chips. „Hergehört. Der Mietvertrag unserer unfreiwilligen Inhabitanten ist hiermit ausgelaufen und wir sind das Räumungskommando.“ PFC Brocks, welcher dem bulligen Körperwuchs des Sergeants am nächsten kam, lachte als einziger am Tisch schallend auf und erntete kurz einen scharfen Blick vom pflichtbewussten Hefferton. Calk fuhr unbeirrt fort. „Wir rücken über die rechte Flanke in die Fabrik vor. Dazu nehmen wir uns noch die Soldaten Arking und Brazek mit. Ich führe Trupp Aurek an und bilde gemeinsam mit Leylor, Brocks und Arking die Vorhut. Trupp Besh wird von Specialist Nero geführt und übernimmt mit Tzarich, Hefferton und Brazek die Nachhut.“ Sie alle nickten. Wegen den Panzern, ein Detail, das der Sergeant beiläufig fallen ließ, stellte keiner eine Frage. Es war die Order von ganz oben, jeder von ihnen wusste, dass es dem cholerischen Kane – oder Kollaps-Kane, wie sie ihn gerne mal nannten, weil er sich einmal vor seinen Unteroffizieren so stark aufregte, dass er fast kollabiert wäre – nicht gefallen würde und jeder akzeptierte es. Bei den Infanteristen der Fünften kam Kane nicht gut an. Insgeheim verspürte der eine oder andere sogar Schadenfreude im Wissen um das angeknackte Ego des Panzerkommandanten.

    Dann hatten sie sich am Fuße des grünen Hangs versammelt, den es zu besteigen galt um an die angewiesene Stelle des Einstiegs zu gelangen, den das Artilleriefeuer mit panzerbrechender Explosivmunition in die Panzerlegierung der Waffenfabrik gleich einer spitzen Schneise geschossen hatte. Es sah chaotisch und dreckig da oben aus, wie ein frisch ausgehobener Sumpf aus dunklem Stahl, ausgelaufenem Öl und Wasser von Zuleitungen, die durch das Feuer beschädigt wurden und einem roten Warnblinken, das einige Alarmleuchten konstant von sich gaben, um den Hüllendurchbruch markant anzuweisen. Brazek, ein altgedienter Soldat des Fünften und auf seine späten Jahre verbittert geworden, hasste die Zerstörung schon jetzt. Das war schicke Baukunst, schlank und kantig im Design, dafür allerdings effizient und in seiner kastenförmigen Eleganz wie ein natürliches Durastahlvorkommen wirkend, das mit der gräulichen Steinfassade des Bergs, in den der lange Zugang zur Waffenfabrik gebaut wurde brach. Es war einfach falsch, dieses Gebäude, das rechtmäßig dem Imperator selbst gehörte mit Artilleriefeuer zu bombardieren, nur um die Moral der Delinquenten zu brechen.
    „Vorrücken. Anzüge zur Sicherheit versiegeln, wir wissen nicht was für Toxine da drin ausgetreten sind.“, befahl Calk an vorderster Front des achtköpfigen Vorstoßes. Hinter ihren schwarzen, verspiegelten Vollvisieren waren sie alle gleich, eine Einheit, imperiales Schwarz-Rot im Vormarsch wie ein Körper, dessen Glieder schon Ewigkeiten zusammen agierten. Tatsächlich war es so, dass sie sich alle kannten und einzuschätzen wussten, bis auf Tzarich und Hefferton, die noch neu in der Truppe waren. „Hasst noch jemand, in eigenes Territorium zu steigen und sich trotzdem fremd und bedroht zu fühlen?“ schnarrte die geierartige Stimme von Hefferton durch das Helmcom, während er sein Präzisionsgewehr noch einmal überprüfte, von dem er für diesen Einsatz mit bitterem Beigeschmack die Zieloptik mit zwanzig einstellbaren Zoomstufen abmontiert hatte. Er war stolz auf seine Ausrüstung, die ihm als Präzisionsschütze zugeteilt wurde, genauso stolz wie auf seine unangefochtene Trefferquote auf dem Schießstand wie auch im echten Gefecht. Früher war er nichts, ein Bauernsohn auf Birgis, das weit im Outer Rim lag. Das Gewehr, das Töten, das Führen seiner Blasterbolzen mit der Präzision einer Stechnadel in ihr kilometerweit entferntes Ziel hatte ihm einen Sinn gegeben und ließ ihn damals zum ersten Mal etwas Besonderes unter Gleichen sein.

    Die Vorhut kam an der Trümmerstelle an und Calk aktivierte vorweg seine Helmlampe, um das stählerne Interieur des eckigen Ganges zu beleuchten. Bis auf verteilte Schrapnelle, kantig herausgerissene Durastahlpanzerung und verteilten Pfützen aus einem ölig pechschwarzen Gemisch, das sein Helmlicht glatt wie poliertes Gummi reflektierte war es dort geisterhaft leer. Von außen erinnerte der Anblick Calk an eine tote Raumstation, die durch ein Leck von kaltem Vakuum geflutet wurde und seine Insassen zerriss. Dann stiegen sie ein, erst die Vorhut angeführt vom Sergeant selbst, dann die Nachhut unter dem wortkargen Specialist Nero.

    Begleitet wurden die ersten Schritte von funkenspeienden Kabeln an der Decke. Nero richtete sein Helmlicht auf die beschädigte Stelle in der Leitung. „Sir, unsere Feinde waren schlau. Offenbar haben sie eine der Hauptleitungen des Primärgenerators aus der Ferne gezielt gesprengt und sich damit tiefer in der Anlage eingeschlossen.“, stellte er fest, nicht ohne ein Quäntchen Anerkennung, weil er die kleinen dunklen Stellen sah, die rund um die beschädigte Stelle auf präzise Sprengladungen hinwiesen. „Ist das ein Problem?“, erklang es doch sehr offensiv von Calk, der mit eindeutiger Stimme keine Probleme duldete. „Nunja, Sir, die meisten Fabriken dieser Art haben einen Notfallgenerator und..“ – „Ich wiederhole: Ist das ein Problem, Nero?“ – „Nein Sir.“ Nero, ein stolzer und schweigsamer Mann mit ewig zurückgeleckten Haaren, eine Person glatt und glänzend wie die Lackkappen der Schuhe seiner Galauniform ließ sich nur zähneknirschend durch den Sergeant dazu bringen seine detaillierten Worte auf das, was der stumpfsinnige Unteroffizier hören wollte zu verkrüppeln.

    Ihr Weg führte die Vorhut in eine große Produktionshalle, in welche der Transporttunnel, den sie bis dato durchschritten mündete. Da, wie Nero bereits feststellte, die gesamte Hauptenergie von der Halle abgetrennt war und die Notversorgung nicht gestartet wurde, war es hier überall duster. Gewaltige Produktionsmaschinen, maschinelle Arme, Bohrer, Hublaster und Fließbänder waren titanengleiche Schatten in einer erdrückenden Finsternis. Die Fabrikhalle war gigantisch und offenbar dafür ausgelegt größeres Kriegsgerät in der Endmontage zusammenzusetzen. Panzer, Läufer, Belagerungsmaschinen. Dem großen Brocks lief es kalt den Rücken runter und sein Herzschlag beschleunigte sich, die Lederishandschuhe spannten enger um sein Gewehr. Es lagen nun gut zehn Schritte zwischen der Vorhut und der Nachhut, aber gäbe es die Helmlampen nicht, die eine Gruppe würde die andere mit dem bloßen Auge nicht sehen. Nur anhand einer dünnen, gelben Markierung auf dem Boden für den Produktionsweg tasteten sie sich entgegen der Montagerichtung tiefer ins Innere der fensterlosen Halle. Diese Maschinen hatten nicht mehr gearbeitet, seitdem das Imperium auf den Planeten eingefallen war. Seit mehr als zwei Jahrzehnten.

    „Wir benötigen Zugriff auf eine Wartungsstation für das Stromnetz. Dann kann ich die Versorgung wiederherstellen.“, meldete Nero, der Slicer und Techniker unter ihnen. Das fällt dem Lackaffen ja früh ein, dachte sich Calk, immerhin sind wir schon durch die Hälfte der verdammten Halle marschiert und kamen sicher schon an zwei Dutzend von diesen Stationen vorbei. Es muss also … plötzlich lösten sich drei Schüsse. In der Dunkelheit zuckte es hell auf, imperiales Rot zischte durch die Weiten der Halle, schlug ein. Einer seiner Männer schrie, brüllte, in Panik. Es war Tzarich.

    Nero, sein Gruppenführer, wandte sich ihm sofort zu. Der Mann hatte offenbar einen plötzlichen Panikanfall bekommen und den Abzug gedrückt, auf eine nahe Wand geschossen, eine Salve aus drei Schüssen schlug in eine nahe Wand ein und Tzarich stand wie angewurzelt da. Sein Lichtkegel und Gewehrlauf deuteten auf die zerstörten Schemen einer fritzelnden, funkenspeienden Konsole. „Beim Imperator.. Das war eine Wartungsstation!“ Nero setzte sich ab um die zerstörte Konsole zu inspizieren, mit Hefferton als Rückendeckung. Ein wütender Brazek stürmte allerdings auf Tzarich zu und verpasst ihm einen ordentlichen Schlag gegen die Helmschläfe. Tzarich zuckte zur Seite weg, hart und überraschend getroffen, seine Knie waren weich, er fiel und polterte mit dem Gewicht der Ausrüstung zu Boden. „Sowas wie dich hätte man gar nicht erst an die Waffe lassen sollen!“, spuckte Brazek nach unten auf den am kalten, von Staub bedeckten Fabrikboden liegenden Tzarich. Leylor eilte zu dem niedergeschlagenen Specialist und überprüfte seine Vitaldaten im Kopfbereich. „Sie sollten sich schämen..“ murmelte sie in Brazeks Richtung, ohne ihn anzusehen, der gerade nachsetzen wollte, als es den völlig ohne Deckung stehenden Private von den Füßen riss. Ein Schuss, von weiter oben, von einer Wartungsbrücke, die an Drahtseilen von der Decke hingen und sich eckig zwischen den kolossalen Maschinen durchschlängelten. Brazek fiel getroffen zu Boden, ein sauberer Blasterschuss schlug in seinen Helm ein. Sofort wurde das Feuer aus mehreren Gewehrmündungen erwidert, ein Hagel aus roten Plasmabolzen ging auf die Richtung nieder aus welcher der Scharfschütze vermutet wurde. Sie alle suchten sich Deckung hinter Maschinen und Containern, das Feuer wurde aufrecht gehalten, Leylor zog Brazek ebenfalls in eine Deckung, auch wenn sie wusste dass es sinnlos war, denn die Einschussstelle lag tief orange glühend direkt im hinteren Kopfbereich und der Soldat war leblos wie eine der Gummipuppen, mit denen alle Sanitätsanwärter übten. Genauso schlaff hing auch sein Kopf, die Rüstung schleifte monoton über den unebenen Beton. Plötzlich wurde das Gegenfeuer stärker. Calks Befürchtung ist wahr geworden, ein Hinterhalt und das genau während eines schwachen Moments der Truppe, ein Moment der Unachtsamkeit. Auf ihre roten Blasterbolzen antworteten aus dem tiefen Inneren der Montagehalle orangene und gelbe Lichtblitze der Gewehre ihrer Feinde. Wenn es ihnen an etwas in dieser beschissenen Stahlhölle nicht mangelte, dann an Gewehren und Granaten, dachte sich Hefferton. Die Fabrikhalle wurde durch ein buntes Stroboskop unregelmäßig aufblitzender Bolzen erhellt, die regelmäßig in Deckung, oder auch in Rebellen einschlugen. Das Gefecht lief für Calk überraschend gut, auch wenn seine Männer kalt erwischt wurden. Doch es waren so überraschend viele. Die ganze Zelle dieser Terroristen hat sich hier verkrochen und sie schienen um jeden Preis ein geschlossenes, massives Tor am Ende der Halle verteidigen zu wollen. Hefferton setzte an, zielte und schoss nur mit seiner offenen Visierung erst einem der Rebellen direkt in die Stirn, als er kurz den Kopf rausstreckte, dann einen zweiten, der gerade dabei war eine Granate zu zünden. Diese Rebellen waren nervös, untrainiert, unfähig, aber irgendetwas ließ sie taktisches Grundverständnis haben. Der Stift der Granate klimperte auf den Boden und sie explodierte mit ohrenbetäubendem Lärm in den eigenen Reihen der Widersacher, wehte massig Staub, Betonbrocken und Fleisch auf, als sie zwei weitere Männer mit sich in den Tod riss und einen dritten lebensgefährlich mit Schrapnellen spickte, der sofort erbärmlich und heiß an mehreren Stellen zu bluten anfing und wimmernd zu Boden ging.

    Tzarich jammerte noch immer, hatte sich in Deckung geschleppt, aber er nahm gar nicht an dem Feuergefecht teil. Der Soldat hielt seinen Kopf unten, fasste sich an den Helm, die Finger verkrampft, als wolle er etwas aus seinem Kopf vertreiben, das sich dort wie ein Parasit festsaugte, der ihm den Kopf von einer Ohrmuschel zur anderen leer fraß. Brocks bemerkte seinen Zustand. „Sani!“ brüllte er, Leylor lief geduckt von Deckung zu Deckung zu ihm, nachdem sie die Reanimierungsmaßnahmen bei Brazek abgebrochen hatte. Doch es sah übel aus. Calk leitete das Feuergefecht an vorderster Front, seine Kybernetik surrte, wann immer der Abzug durchgedrückt wurde und eine Salve heißes, wütendes Rot aus seiner Gewehrmündung auf die Gegner spuckte. Er traf einige, mähte sie eigenhändig nieder. Doch es schien nicht zu reichen. Tzarich jammerte. Brazek war tot. Er sah eine blinkende Granate in hohem Bogen von einer der Wartungsbrücken hinter Neros und Arkings Deckung fliegen. In seinem Helminterface flackerte kurz Brazeks Positionsanzeige, dann erlosch sie gänzlich. Der Sergeant schnaubte. „Achtung, Granate!“

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