Hinter verschlossener Tür (Sam Garrett)

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    • Hinter verschlossener Tür (Sam Garrett)

      ~ In memoria patris ~

      Schott Eins

      Jeamus, 23 NVC

      Die ganze Szene hatte etwas unwirkliches. Während es draußen warm war und eine grelle Sonne am blauen Himmel schien, war es in der Marmorgrauen Halle kühl und schattig. Vereinzelt drangen Sonnenstrahlen durch die Lichtschlitze und Oberlichter des Mausoleums und warfen lustige Schattenspiele auf den Boden. Zum Lachen war allerdings niemanden der Anwesenden zumute.
      Sam blickte von der Decke der Halle herab und ließ ihren Blick über die große Schar der Anwesenden gleiten. Die meisten von ihnen waren in Uniform und deutlich älter als Samara. Einige wenige Freunde und Stadthonorare standen in zivil herum, doch alles in gediegenen Farben. Die Köpfe gesenkt oder starr nach vorne gerichtet, standen sie stumm herum und lauschten den Worten des Redners.
      Ihr Blick wanderte weiter von den Menschen um sie herum zu der Frau neben ihr. Sie war genau so groß wie Samara und ihr Haar hatte eine ähnlich rotbraune Färbung, wobei sich in dem akkuraten Dutt erste graue Strähnen zeigten. Doch ihre Haltung war eine ganz andere. Aufrecht, Kopf und Blick erhoben, stand sie neben ihr, unbeugsam, selbst in diesem Augenblick. Auch sie war in Uniform und an ihrer Brust prangten neben etlichen Orden de Abzeichen eines Fleet Captains. Manda Garrett, ihre Mutter.
      Fast drei Jahre lang hatten Sam und sie sich nicht gesehen. Nur ab und zu über Holo – wenn deren Mission es gerade zu ließ. Das letzte Mal, dass sie sich gegenüber gestanden hatten, war an dem Tag gewesen, an dem Sam nach Charmath zu ihrem Studium an der Universität dort aufgebrochen war.
      Sam studierte die Gesichtszüge ihrer Mutter. Sie konnte keine Zeichen der Trauer an ihr erkennen, aber etwas in deren braunen Augen, die stur geradeaus starrten, sagte ihr, dass das nur äußerer Fassade war. Sam wusste, dass ihre Mutter ihren Vater geliebt hatte – auf ihre Weise.

      Auf ihrer anderen Seite standen ihre Halbgeschwister: Charles, Jon und Judy. Sie alle waren wie Sam dunkel gekleidet und zumindest Judy ließ keinen Zweifel an ihrer Trauer aufkommen. Immer wieder schluchzte sie leise auf und führte ein Taschentuch an ihre Augen. Jon hatte tröstend seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Es war kein Wunder, dass der Tod ihres Vaters Judy am meisten von den drei Geschwistern mitnahm. Sie war noch sehr jung gewesen als deren Mutter verstorben war und hatte am längsten mit ihrem Vater allein im Haus gelebt. Bis Sam einige Jahre später dazu gekommen war. Die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugendjahre waren es nur sie drei gewesen: Sam, Judy und Dad.
      Sam hakte sich bei ihrer Schwester unter, während sie weiter der Zeremonie zuschaute, die das Begräbnis ihres Vaters darstellte.

      Das Behältnis mit seiner Asche wurde in ein offenes Fach in der riesigen, steinernen Wand gelegt. Früher hatte man auf Jeamus die Verstorbenen unter Steinhügeln vergraben. Zumindest in den großen Ebenen. Weiter oben in den Bergen hatte man in die Felsen Höhlen gehauen für die Toten. Sams Großvater hatte sie einmal zu so einem Höhlengrab mitgenommen. Doch mittlerweile war man zu zivilisierteren Formen der Bestattung über gegangen, was sicher auch an der stark anwachsenden Bevölkerung auf Jeamus lag. Überall am Rande der Städte gab es nun diese riesigen Häuser der Toten, mit ihren vielen Reihen von Steinwänden, wo ihre Asche hinter schweren Steinplatten verschlossen wurde.
      Unter feierlichem Gemurmel wurde die Platte verschlossen. Auf deren Frontseite war der Name ihres Vaters eingraviert: Admiral a.D. Eliot MacIntyre. Darunter war das Holo eingelassen, das seine Lebensdaten angab, und wenn man wollte einem noch viel mehr Informationen über den hochdekorierten Soldaten preis gab. Doch für sie war er einfach nur Dad.
      Draußen ertönten Salutschüsse und die anwesenden Soldaten nahmen Haltung an. Auch Sams Mutter neben ihr. Und obwohl Sam noch nie eine Rekrutenschule von innen gesehen hatte, bewegte sie plötzlich ein innerer Impuls ihre Hand zu heben und ihrem Vater die letzte Ehre zu erweisen, während eine stumme Träne über ihre Wange herab lief.

      ~

      Dromund Kaas, Kaserne Aurek-12, 25 NVC

      Sam wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, während sie die Aufnahme ihres Vaters aus der Hand legte und auf dem schmalen Brett am Kopfende ihrer neuen Koje stellte. Damit waren alle ihre persönlichen Habseligkeiten ausgeräumt. Neben dem Holo lagen zwei altmodische Bücher, deren Seiten Anzeichen häufiger Nutzung zeigten: „Die Mantis war ihr Schicksal“ und „Die Jagd nach der schwarzen Defender“. Und auf den Büchern hatte ein altes Chrono mit eingebautem Kompass seinen Platz gefunden.

      Sie drehte sich um und schaute sich in ihrem neuen „Zuhause“ um. Die Kasernenbetten standen dicht an dicht. Viel Privatsphäre blieb hier nicht. Das hatte auch Sergeant Jiros klar gemacht, als er sie herum geführt hatte. Unisex Duschen. Nein, zimperlich durfte man hier nicht sein, weder als Frau noch als Mensch. Sie sah hinüber zu einem der anderen Betten, wo einer ihrer neuen, noch unbekannten, Kameraden auf seinem Pad mit Stöpseln in den Ohren vermutlich irgendwelche Holovids sah.

      Bisher hatte sie nur einen kleinen Kreis ihrer neuen Einheit kennen gelernt. Corporal Obyr, der ihr ihre Waffe und Rüstung eingestellt hatte und der sie irgendwie an ihren Bruder Charles erinnerte. Ernsthaft, aber freundlich und fürsorglich. Vermutlich fühlte sie sich deswegen in seiner Nähe wohl. Der kurze intime Moment nach der Anpassung ihres Helms hatte sie überrascht, aber war ihr nicht unangenehm gewesen. Und dann war da noch Privat Firstclass Peerth. Der junge Sani war etwa in ihrem Alter und wirkte mit seiner schlaksigen Art irgendwie unbeholfen. Aber er verstand durchaus was von seinem Job und hatte sie zum Ende der Eingangsuntersuchung ganz schön ins Schwitzen gebracht. Das er bei ihrer Frage kaum mit der Wimper gezuckt hatte, rechnete sie ihm hoch an. Sie rechnete nicht wirklich damit, dass sie das Mittel brauchen würde, aber sicher war sicher.

      Mit nachdenklichem Lächeln rutschte sie von ihrer Koje. Zum Glück würden ihre Tage hier voller Dienste und Aufgaben sein, so dass sie nicht dazu kam, ihr altes Leben zu vermissen. Es war ein Neuanfang. Ein komplett leeres Blatt in ihrem Leben. Alles, was bisher dazu gehört hatte, hatte sie mit dem Ticket nach Dromund Kaas zurück gelassen. Und wie immer, wenn sich ihr etwas Neues bot, war da diese Mischung aus Aufregung und Skepsis, die sich in ihr breit machte. So, wie wenn sie einen neuen Felsen erklomm. Man wusste nie, ob man oben ankam – und was einem auf dem Weg dorthin alles begegnete.
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    • Schott Zwei

      Charmath, 22 NVC

      Es war ein herrlicher Tag auf dem Campusgelände. Die Sonne schien und die angenehmen 22 Grad, die herrschten, luden dazu ein, den Nachmittag draußen zu verbringen, statt in den kühlen Hallen der Universität.
      Auch Samara nutzte die Gelegenheit und hatte sich an ihrem Lieblingsplatz nieder gelassen: ein einzelner Baum auf der Wiese hinter der Bibliothek, dessen Halbschatten ein angenehmes Lesen ermöglichte.
      Viele ihrer Kommilitonen nutzen das schöne Wetter anstatt für ihre Studien für sportliche oder gesellschaftliche Betätigungen und so konnte man auf dem Gelände und von den Sportplätzen ausgelassenes Lachen und anfeuernde Rufe, wie das allgemeine Stimmengewirr von verschiedenen Gesprächen hören.
      Für Sam boten diese Geräusche ein angenehmes Hintergrundrauschen, dass sie nicht wirklich in ihrem eigenen Tun ablenkte. Sie hatte ihre Nase tief in das Pad auf ihrem Schoß vergraben, markierte hin und wieder gelesene Stellen oder machte sich Notizen dazu.

      Plötzlich landete eine Sachiblüte auf der Seite, die sie gerade las. Verdutzt nahm sie diese in die Hand und betrachtete sie. Aus dem Baum, unter dem sie saß, konnte sie wohl kaum gefallen sein und sie wuchsen auch nicht in unmittelbarer Nähe zu ihrem Platz. Suchend schaute sie auf und sah sich prompt der Quelle des unverhofften Blütenregens gegenüber. Er lehnte mit einer Hand am Baum abgestützt neben ihr und schaute lächelnd auf sie herab. Wie er dort allerdings hingekommen war, ohne dass sie ihn bemerkt hatte, war ihr schleierhaft.
      Da ihr nicht der Sinn danach stand, sich foppen zu lassen, legte sie die – durchaus hübsche – Blüte zur Seite und blickte wieder auf ihr Pad.

      „Galaktische Geschichte, Band 19. Die Pius Dea-Kreuzzüge“, las er mit angenehmer Stimme den Titel ihres Buches vom Pad ab, gefolgt von einem anerkennenden Pfeifen. „Da hast du dir aber eine echt schwere Kost für einen Nachmittag ausgesucht.“
      „Nur, wenn man mehr abbeißt, als man kauen kann“, entgegnete sie nüchtern und blätterte unbehelligt eine Seite weiter, in der Hoffnung, es würde sein Interesse an ihr abkühlen.
      Ihr Kommentar ließ ihn jedoch auflachen und unwillkürlich musste Sam wieder aufblicken. Er hatte mit Abstand das entwaffnenste Lachen, das sie je bei einem Jungen gesehen hatte. Perplex betrachtete sie ihn nun eingehender, während er mit seinen türkisgrünen Augen auf sie herab lächelte.
      Er war nicht besonders groß, nur wenige Zentimeter größer als sie selbst vielleicht, und schien nicht der Muskelprotz zu sein, obwohl seine schlanke Figur dennoch kräftig wirkte. Sein ovales Gesicht war von wilden, dunklen Locken umrahmt, deren Strähnen teils bis zum Kinn reichten und ihm gerade in dieser Position über der Stirn hingen. Alles in allem kein unangenehmer Anblick, gestand sich Sam ein. Eher das Gegenteil.

      „Das scheint mir nicht dein Problem zu sein.“ Grinsend verließ er seine Position am Baum und ging neben ihr in die Hocke. „Hi, mein Name ist Civen.“ Er hielt ihr über ihr Pad hinweg seine Hand hin.
      „Samara“, erwiderte sie immer noch leicht skeptisch und reichte ihm ihre Hand.
      „Ich weiß“, schmunzelte er entspannt.
      „So?“ Verdutzt hob sie die Augenbrauen an. „Haben wir irgendwelche Kurse zusammen? Ich kann mich nicht erinnern...?“
      „Nein, haben wir nicht. Anderer Fachbereich.“ Er schüttelte diesen wilden Lockenkopf. „Aber ich habe dich schon ein paar Mal auf dem Campus gesehen.“
      „Und dich über mich erkundigt?“ So ganz schlau wurde sie aus seinem Verhalten nicht.
      „Ja.“ Er betrachtete sie ziemlich unverholen, aber nicht auf eine Weise, die ihr unangenehm gewesen wäre. Sie konnte ihn nur nicht richtig platzieren.
      „Und warum hast du mich dann nicht schon früher angesprochen?“
      „Wollte ich. Aber du schienst immer mit irgendwelchen Trotteln zusammen zu sein.“ Wieder zeigte er sein entwaffnendes Lächeln. „Jetzt gerade bist du das nicht, oder?“
      „Du meinst jetzt jetzt gerade oder so allgemein jetzt?“, erwiderte sie und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

      „Touche!“, lachte er. „Ich meine, so allgemein jetzt. Bist du... derzeit liiert?“ Obwohl er bisher gelassen und zuversichtlich gewirkt hatte, stahl sich ein Hauch von Unsicherheit in seine Stimme.
      „Nein“, antwortete sie bewusst knapp, neugierig, was als nächste kommen würde.
      „Dann... bist du also frei?“ Nun waren seine Stimme wie auch sein Blick deutlich hoffnungsvoller.
      „Frei wofür?“ Sie ließ ihn noch einen Moment zappeln.
      „Um mit mir aus zugehen.“ Es war keine direkte Frage, aber sein Blick entsprach mehr dem einer Bitte.
      Sam legte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn prüfend. Dann konnte sie ein Schmunzeln nicht mehr unterdrücken. „Ja.“
      „Prima. Dann morgen Abend um zwanzig Uhr. Vor dem Campus Tor.“ Ohne auf eine Bestätigung von ihr zu warten, erhob er sich und schlenderte, die Hände in den Hosentaschen vergraben, davon. Nach ein paar Schritten drehte er sich jedoch noch mal zu ihr um und zwinkerte ihr zu.
      Eilig senkte Sam ihren Blick ins Buch. Doch nur um das breite Grinsen und die leichte Rötung ihrer Wangen zu verstecken.

      ~

      Dromund Kaas, Kaserne Aurek-12, 25 NVC

      Sam saß im Gemeinschaftsbereich an einem der Terminals dort und tippte tief in Gedanken versunken einen Brief. Vor drei Tagen hatten sie den Marschbefehl für Miser Prime erhalten. Die Zeit seitdem war mit etlichen Vorbereitungen gefüllt gewesen. Nun war für Sam der erste freie Moment da, um ihre „persönlichen Angelegenheiten“ zu regeln, wie es in dem Marschbefehl geheißen hatte. Viel blieb ihr da nicht zu tun. Den Brief an ihre Schwester Judy hatte sie bereits verfasst und abgeschickt, mit der eindringlichen Bitte, ihrer Mutter nur im wirklichen Notfall davon zu erzählen. Die Worte an ihre Mutter hatte sie in einer Datei gespeichert, die sich unter ihren persönlichen Sachen befand. Doch der Brief, an dem sie jetzt saß, war der schwerste von allen...

      Empfänger: Civen Dakyra, Universität von Charmath, Charmath
      Absender: PVT Samara Garrett, Kaserne Aurek-12, Dromund Kaas
      Betreff: Abschied

      Liebster Civen,
      ich weiß, dass es komisch sein muss, nach so langem Schweigen von mir eine Nachricht zu erhalten. Ich bin jetzt hier auf Dromund Kaas, habe meine Grundausbildung abgeschlossen und bin vor drei Wochen zu meiner ersten Einheit versetzt worden. Ja, du liest richtig. Ich habe mich zu den kämpfenden Truppen gemeldet. Überraschung.
      Morgen brechen wir zum ersten großen Einsatz auf und man hat uns geraten, vorher noch Briefe an unsere Liebsten zu schreiben. Du weißt schon, für den Fall dass wir... nicht zurück kommen.
      Mir ist klar, dass ich kein Recht mehr habe, an dich als meinen Liebsten zu denken, aber mir sind nur zwei Personen eingefallen, an denen ich einen solchen Brief schreiben könnte. Meine Schwester und du.
      Es tut mir leid, dass ich mich seit über einem Jahr nicht mehr bei dir gemeldet habe. Und auch, dass ich einfach so verschwunden bzw. einfach nicht mehr nach Charmath zurück gekehrt bin. Du hast mehr verdient als die paar Zeilen, aber nach dem Vorfall auf Athiss und dem Tod meines Vaters konnte ich einfach nicht mehr zurück. Ich denke nicht, dass ich noch das Mädchen bin, dass du kanntest. Und in das du dich verliebt hast.
      Ja, ich hätte dir das alles persönlich sagen und dir die Chance geben sollen, es selber heraus zu finden. Ich weiß. Aber ich hab befürchtet, dass du mich umstimmen würdest. Dass ich dir zuliebe versucht hätte, dorthin zurück zu finden, wo es für mich keinen Weg mehr hin gibt. Und das hätte uns beide nicht glücklich gemacht.
      Ich erwarte nicht, dass du mein Handeln verstehst. Oder mir verzeihst. Aber angesichts dessen, dass es nun ernst wird und wir in echte Kampfhandlungen verwickelt sein werden, wollte ich, dass du weißt, dass es nicht an dir gelegen hat. Was wir hatten war echt und sehr schön. Und ich habe dich geliebt. Ein Teil von mir tut es immer noch.
      Mehr bleibt mir nicht mehr zu sagen. Ich wünsche dir, dass du glücklich bist und ein erfülltes Leben hast. Und vielleicht, irgendwann mal, denkst du ab und zu an mich?

      In meinem Herzen – das Bild deines Lachens

      In Liebe,
      Samara
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    • Schott Drei

      Jeamus, 6 NVC

      „Komm schon, Sam! Noch eine Station, dann hast du es geschafft.“ Laut hallte die Stimme von Admiral a.D. Eliot MacIntyre über den künstlich angelegten Rasen hinter ihrem Haus, während er vorn über gebeugt die Augen auf sein kleines Mädchen hielt, die Stoppuhr in der linken Hand.
      Klein Sam lief, so schnell sie ihre kurzen Beine tragen konnten, über den leicht unebenen Rasen auf die letzte Box zu, die in wenigen Meter Entfernung vor ihr auf dem Boden stand. Fünf dieser Boxen standen im jeweiligen Abstand von etwa 10 Metern über das ganze Grundstück verteilt. Dies war die letzte Box. Eine letzte Aufgabe, dann war es geschafft.
      „Komm schon! Ich weiß, dass du das schaffst, Sammi!“

      „Dad“, von hinten näherten sich Schritte, die zu dem leicht vorwurfsvollen Ton passten. „Muss das denn? Sie ist erst vier!“
      Eddi Mac MacIntyre richtete sich auf und schaute über die Schulter zu seiner Ältesten. Judy war nun zwanzig und hatte bereits ihre Ausbildung zur Ärztin begonnen, wohnte aber noch daheim. Mit einem teils stolzen, teils Schuldbewussten Lächeln wartete er, bis sie neben ihm stand.
      „Sie ist gut. Außerdem macht es ihr Spaß.“
      Seine Tochter schüttelte den mit einem nachsichtigen Lächeln den Kopf.
      „Ich bin nur froh, dass Mom für uns da war, als ich in dem Alter war.“ Bei der Erwähnung von MacIntyres erster Frau schoss ihm gleich deren Bild in Sinn mit dem üblichen Stich Wehmut im Herzen. Judy sah ihr so verdammt ähnlich.
      „Ja, ich bin auch froh, dass eure Mutter euch groß gezogen hat. Sie hat das verdammt gut gemacht!“

      Seine Älteste hakte sich bei ihm unter und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
      „Sie schlägt sich also gut?“, wechselte sie das Thema.
      „Oh ja!“ Väterlicher Stolz färbten die kurzen Worte. „Sie wird einmal eine ausgezeichnete Soldatin.“ Mit geschwellter Brust und breitem Grinsen, das ihn glatt zehn Jahre jünger aussehen ließ, blickte er zu dem kleinen Rotschopf hinüber, der nun keuchend vor der Box hockte und das darin befindliche Rätsel löste.
      „Und wenn sie das gar nicht werden will?“ Judy schaute schmunzelnd zu ihrem Vater auf, doch die kleine Falte zwischen den Brauen zeigte, dass die Frage sie auch besorgte. Sie und ihre Brüder hatten alle eine nicht-militärische Laufbahn eingeschlagen und obwohl ihr Vater nie etwas dagegen gesagt hatte, hatte sie sich dennoch gefragt, ob er sich nicht insgeheim wünschte, dass eins seiner Kinder die Tradition fortsetzte. Musste Samara nun unter den Ambitionen ihrer älteren Geschwister und ihres Vaters leiden?

      Eliot MacIntyre zog die buschigen, langsam ergrauenden Augenbrauen zusammen. „Dann... wird sie eine ausgezeichnete Athletin“, brummte er den Blick immer noch auf sein kleines Mädchen gerichtet. „Oder eine ausgezeichnete Astrophysikerin oder was auch immer sie werden will.“
      Sein Stirnrunzeln wich sofort einem freudigen Lächeln, als Sam sich zu ihm umdrehte und strahlend verkündete: „Ich hab's gelöst, Daddy!“
      „Dann komm her!“ Er löste sich von Judy und ging wieder etwas in die Hocke auf Augenhöhe zu seinem Kind. „Komm her! So schnell wie ein TIE-Fighter. Flitz, flitz!“ Er sah auf die Stoppuhr in seiner Hand und breitete die Arme aus, um den Wirbelwind in Empfang zu nehmen, der ihm mit wehendem roten Haar und leuchtenden Augen entgegen kam.
      „12 Minuten und 9 Sekunden“, rief er aus, als er sie hoch nahm und herum wirbelte. „Das war sehr gut, Sammi. Du wirst immer schneller. Ich bin sehr stolz auf dich.“

      Dromund Kaas, Kaserne Aurek-12, 25 NVC

      Schnaubend stellte Sam ihr Rüstungsoberteil zu Boden auf die feuchten Kacheln der Gemeinschaftsduschen. Momentan war sie alles andere als stolz auf sich.
      Sie hockte nur mit Shorts und Tanktop bekleidet auf einer der Bänke, die sauberen Rüstungsteile neben sich abgelegt und die noch dreckigen vor ihr ausgebreitet. Den Schlamm und die Rückstände von dem Fluss, in den sie gesprungen war, von den Oberflächen abzuspülen war einfach gewesen. Doch in den Ritzen hatten sich Algen, Kies und irgendwas nicht identifizierbares festgesetzt und musste mühselig mit Bürste und Pinzette entfernt werden. Mühselige und langwierige Arbeit bei sieben Teilen.

      Der Sprung über die matschige Böschung ins dreckig, kühle Wasser hätte gar nicht sein müssen, wenn sie nur schneller gewesen wären. Sie hatten viel zu lange gebraucht, es war eben nur eine Frage der Zeit, bis sie entdeckt werden würden. Ein wenig sauer war sie auch auf ihre Kameraden. Warum war Renea nur am Felsen hocken geblieben wie ein erstarrtes Kaninchen? Und warum hatte Taroq darauf bestanden, erst voraus zum Flussufer zu gehen, statt dass sie gemeinsam hinunter gegangen sind? Wenn sie nur...

      Sam stoppte sich in ihrem Gedankengang und dem aggressiven Schrubben ihres Stiefels. Sich zu sagen „Wenn nur...“ war nicht hilfreich. Sie musste nicht zurück schauen, sondern voraus. Sie musste schneller werden. Sie alle mussten schneller werden. Wer zögerte, setzte Leben oder die Mission aufs Spiel. Das war ihr Fazit aus den Übungen der letzten beiden Tagen. Nicht nur der von heute, auch von dem perfide Trainingsszenario, das sich Sergeant Tyren ausgedacht hatte.
      Sobald ihr unterkühltes Gehirn wieder zu einem einigermaßen klaren Gedanken fähig war, hatte sie dieses Resümee für sich gezogen: sie waren zu langsam gewesen.

      Zum Glück hatte sich Taroq als „Opfer“ gut auf die klimatischen Bedingungen in dem Raum vorbereitet. Ihm hätte mit dem Thermoanzug, den er drunter trug, gar nichts passieren können, auch wenn sie versagt hätten. Aber bei einem echten Gefangenen, der ungeschützt diesen Temperaturen ausgesetzt war - und noch dazu nicht bei Bewusstsein – da zählte jede Sekunde.
      Immer wieder, während sie auf der Liege der Krankenstation lag, wo sie die Nacht nach der Übung verbracht hatte, und auf ihre Entlassung wartete, war sie das Szenario im Kopf durchgegangen: die Droiden, die gleich zu Beginn auf sie gefeuert hatten, die eisigen Gebläse, die geringe Sicht. Sobald sie die ersten feindlichen Ziele ausgeschaltet hatten und die Temperatur im Raum weiter gefallen war, hätten sie schneller agieren müssen. Nicht nur wegen des vermeintlichen Gefangenen, auch um ihrer selbst willen. Je mehr Zeit verging, desto schwerer wurde es sich zu bewegen – und zu denken.

      Sie wusste, warum sie hinter dem Gebläse Deckung gesucht hatte. Sie nahm ihren nun blank geputzten Helm in die Hände und fuhr mit dem Finger über den einzelnen Strich hinter dem aufgemalten PEW. Sie hatte schlichtweg Angst. Angst davor im Gefecht getroffen zu werden. Darum suchte sie vermehrt Deckung, darum zögerte sie. Doch damit war jetzt Schluss, schwor sie sich. Wegen ihrer Feigheit sollte kein Kamerad mehr zu Schaden kommen. „Schneller sein, Sammi, nicht zögern!“, murmelte sie grimmig ins Angesichts ihres Helmes. „Huah!“
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