Ereignisse um CPT Lienas van Arden

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Ereignisse um CPT Lienas van Arden

      Hier werden künftig Ereignisse und Wissenswertes um den dienstlichen Alltag sowie die Einsätze von Captain Lienas van Arden gesammelt.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

    • Der perfekte Moment - Teil 30: Grüne Träume

      Es war nur ein leises Knacken. Vorschriftsmäßig ausgeführt, wich das Leben aus dem Leib der jungen Frau innerhalb von Sekunden und sie sackte nach vorn. Von der eifrigen Verteidigerin ihrer Padawan-Freundin war innerhalb weniger Stunden nur noch eine leere Hülle geworden, die ihren Nutzen in jenem Augenblick verloren hatte, als sie die gewünschte Information ausgesprochen hatte. Lienas van Arden war sich der Aufmerksamkeit des Darth überaus bewusst, als sie von der Toten zurück trat und es den Wachleuten auf Darth Crutios Anwesen überließ, die Spuren zu beseitigen und sich des Körpers anzunehmen.
      Wieder einmal war es nötig gewesen, eiskalte Effizienz zu demonstrieren, wo gleich zwei Sith in ihrem Auftrag versagt hatten. Lord Leyl und Sith Xzari hatten die Tote auf Nar Shaddaa aufbringen sollen, um von ihr zu erfahren, wo sich das eigentliche Ziel befand, ihre Freundin, die abtrünnige Padawan. Warum Darth Crutio dieser Padawan habhaft werden wollte, wusste Lienas nicht, aber sie hatte auch nicht gefragt - noch war weder der richtige Zeitpunkt noch der passende Rahmen für eine solche Frage.
      Sollte Crutio glauben, er habe in ihr ein williges Werkzeug wiedergefunden, solange ihr das die Möglichkeiten gab, die sie für die Befreiung ihres Bruders brauchte. Und diese beiden Sith, die eigentlich darum wetteiferten, als Schüler des Darths angenommen zu werden, hatten sich nicht gerade mit Ruhm beladen. Vermutlich brauchten sie jemanden, der hinter ihnen herräumte.

      Und wie klein Nar Shaddaa doch war! Ausgerechnet der eine, dessen Leben zu verschonen sie versprochen hatte, war durch ihren Betäubungsschuss zu Boden gekracht, damit die Sith sich der Freundin der Padawan widmen konnten. Wie unschön, wenn sich die Zielperson mit irgendeinem Zivilisten unterhielt und keinerlei Anstalten machte, alleine in dunkle Ecken zu spazieren. Eine kleine Schwierigkeit, mit der die Sith nicht gerechnet hatten und sie zum Improvisieren zwang, nachdem Lienas beiden klar gemacht hatte, dass der eigentliche Plan von ihnen würde stammen müssen und sie nur die unterstützende Kraft war.
      Was hatten die beiden eigentlich geglaubt? Dass Lienas die Hauptarbeit verrichten würde, damit beide am Ende das Lob des Darths einsammeln konnten? Wenigstens einmal gab es eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, Crutios Anweisungen an sie waren eindeutig gewesen.
      Also hatte die Offizierin den umgekippten Zivilisten vom Ort des Geschehens weggeschleppt und so getan, als habe er einfach nur besonders viel getankt. Ihn in eine ruhige Ecke verfrachtet und abgewartet, bis er aufgewacht war - wen man auf Nar jemanden irgendwo liegen ließ, riskierte man, dass er ausgeraubt wurde, oder schlimmeres. Eine Leiche auf der Promenade zu hinterlassen hätte nur ungewollte Aufmerksamkeit erregt.
      Und als sie das nervtötend läutende Com des Mannes deaktiviert und seine Visitenkarten gefunden hatte, war sie froh um ihre Vorsicht. So knapp war sie daran vorbeigeschrammt, ihr Versprechen zu brechen. Eines von drei ...
      Und es gab definitiv eine Familienähnlichkeit: Er brummte und schimpfte genauso wie sein jüngerer Bruder.

      Im Versteck hatten sich die Sith bereits der Gefangenen angenommen - Sith Xzari ohne Helm. Lord Leyl versuchte, die junge Frau mit ein bisschen Gewalt einzuschüchtern, aber als auch er seinen Helm abzog und sich als Sith offenbarte, war die Sache spätestens dann in den Lokus gegangen. Sie versuchten es mit Verständnis, offerierten eine günstigere Zukunft für die Padawan, um ihre Freundin umzustimmen. Insgeheim hätte Lienas am liebsten gebrüllt und beiden ordentlich in den Arsch getreten - mit Nettigkeit gewann man keine Informationen, zumindest nicht so früh.
      Zuerst musste es Furcht oder Schmerz oder beides gleichzeitig geben, um die Pause danach umso süßer zu machen. Aber nein, sie hatten sich von der jungen Frau mit einer mehr als schwammigen Aussage abspeisen lassen und hatten sie sogar mitgenommen. Dass das ein Donnerwetter des Darths zur Folge haben würde, war für Lienas so klar wie die Tatsache, dass Hutten übel stinken und es keinen gab, der es nicht tat. Ebenso nötig war wohl, Effizienz zu demonstrieren. Lord Vrynasha hatte vor den Augen des Darths und seiner Möchtegernschüler die Gefangene befragt, und Lienas den schmutzigen Teil übernommen.
      Es hatte weniger lange gedauert als vermutet, sie weichzukochen, und am Ende war Crutio doch zufrieden gewesen. Der ausgezahlte Bonus floss sofort in Lienas' Kriegskasse, auch wenn der Darth sicherlich vermutete, sie würde damit anderes tun. Doch Arric war der einzige Grund, der sie zu dieser höchst irregulären Arbeit gebracht hatte, und er würde es bleiben. Irgendwann würde sie alle Gefallen einfordern müssen, für ein einziges Ziel ...

      Blubbernde Blasen stiegen am Rand ihrer Aufmerksamkeitsperipherie empor und verliehen der Umgebung etwas seltsam unstetes. Ständig war etwas in Bewegung, das Kolto um sie herum schien nie ganz still zu stehen. Ihre Welt war grün geworden, die Personen ausserhalb des Tanks nicht minder grün, Schemen, die eilig umher huschten, um ihrem Dienst nachzukommen. Ab und an blieb jemand stehen, warf einen prüfenden Blick zum Tank, und ging fast sofort weiter. Die im Tank schwimmende Person war weit weniger interessant als die Kontrollanzeigen, welche mit diesem verbunden waren.
      Jetzt bin ich also schon auf ein Dekorationsstück reduziert worden, dachte Lienas van Arden und empfand im gleichen Moment eine Art perverses Amüsement. Als ob ein imperialer Offizier so viel Ruhe erhielte, um tatsächlich einmal wirkliche Mußestunden zu erleben. Vielleicht sollte sie es so machen wie Captain Stryder-Garrde - sich endlich in ihr Schicksal fügen und sich mit Hingabe dem stetig anfallenden Flimsikram widmen. Dass er selbst im Knast der Republikaner an Flimsikram gedacht hatte, brachte sie selbst im Tank noch zum Grinsen. Manchmal glaubte sie ihn zu verstehen, an anderen Tagen jedoch ...

      Ein weiterer Blasenschwall driftete an ihrem Gesicht vorbei und Lienas schloss die Augen. Wenigstens entspannte sich ihr Körper langsam im zähflüssigen, weichen Kolto. Die Tage nach dem schiefgelaufenen Anschlag auf die Wahlkampfveranstaltung des Chairmans auf T-Zero verschwammen in einem stetigen Nebel aus Fieber und Schmerzen. Wenigstens wussten sie nun, warum die Sache so in die Binsen gegangen war - der Securitymitarbeiter, der die getarnten Imperialen mit ihren unter Zivilkleidung verborgenen Waffen auf den Veranstaltungsplatz eingelassen hatte, war schon vorher aufgefallen und war beobachtet worden. Aber es änderte nichts daran, dass sie maximal aufgelaufen waren.
      In dem Moment, in dem Lienas von ihrer Scharfschützenposition aus den ersten Wachmann des Politikers ausgeschaltet und alle anderen die ihnen zugeteilten anderen Wachleute aus dem Spiel genommen hatten, war die Sache schon verloren. Mehrere gerüstete Kommandos und Jedi waren auf dem Platz erschienen und hatten sich erschreckend effizient daran gemacht, die getarnte Söldnertruppe von hinten aufzurollen. Während JP versuchte, des Politikers habhaft zu werden und auch zu bleiben, blieb nur ein halbwegs geordneter Rückzug, der angesichts der panischen Menge und der unerwartet starken Gegenwehr schlichtweg nicht mehr gelingen konnte.

      Als Lienas versucht hatte, am Ausgang Minen zu legen, um den Rückzug zu decken, hatte sie einer der Kommandos erwischt, genau dorthin, wo ihr vor mehreren Monaten ein Trümmerteil einer explodierenden Brücke in den Körper eingedrungen war. Danach bestand der Rest des ungleichen Kampfes nur noch aus Übelkeit, gellendem Schmerz im Leib und der Notwendigkeit, irgendwie durchzuhalten - mehrere Flashbangs hatte dem ungerüsteten Trüppchen den Rest gegeben.
      Danach entsann sie sich nur noch weniger Details. Aufgewacht war sie gefesselt an ein republikanisches Krankenbett. Man hatte sie gut versorgt, aber nicht vollkommen, und es blieb die Tatsache, dass sich ihr Körper gegen alles zu wehren begann, was man versucht hatte zu flicken. Ihre linke Schulter brannte wie die Hölle, und das Fieber kehrte erbarmungslos zurück, trotz aller Medikamente. Auch Körper haben wohl eine Sollbruchstelle.
      Ein Verhör folgte, in dem das Agententraining einmal mehr seine Nützlichkeit erwiesen hatte - Lienas hatte in ihrer Rolle als Yasmin Littlebird die fanatische Republikgegnerin gemimt. Es war ihr nicht schwergefallen, ihre Verachtung für das aktuelle System zu formulieren, ebensowenig gemeinsam mit JP eine Situation zu improvisieren, bei der sie die Verhörenden hatten glauben lassen, sie könnten von ihm nützliche Informationen gewinnen.

      Dann wieder dumpfe Träume, als sie umgekippt war, fest im Griff des Fiebers gehalten. Und endlos wirkende Tage, bis der Großangriff auf das Hauptquartier der Anti-New-T-Zero-Gruppierung begann. Die 'Black Weapons' hatten sich ihrer Verbündeten entsonnen und sie mit schwerem Beschuss und den verbliebenen Mitgliedern der vermeintlichen Söldnergruppe herausgeholt. Selten hatte sie sich so darüber gefreut, dass sie Jaguada anflogen, selten hatte sie so aufgeatmet, als sie das Transportshuttle verlassen hatten. Und dort war sie erwartet worden, ein sorgenvolles Gesicht, dann längst fällige Erleichterung.
      Fühlt es sich so an, nach Hause zu kommen? Ihre Müdigkeit war in jenem Moment ganz egal gewesen, auch das Erlebte. Es zählte nur noch die Stille eines wohlbekannten Raumes in der Nähe des einzigen Menschen, der auf diesem Stützpunkt keine Fragen an sie stellte und keine Stärke dort erwartete, wo sie keine mehr geben konnte. Und eine Decke, in die sie eingehüllt endlich Schlaf fand. Die Augen öffnend, ließ Lienas den Blick über die in der Krankenstation umher gehenden Mediziner schweifen. Alles ging seinen Gang, alles lief weiter, auf vorgeplanten Bahnen, ohne Unterbrechung.

      Für einen Moment schmerzte sie die Vorhersehbarkeit dieser wohlgeordneten, effizienten Welt mehr, als es ihr Körper je tun konnte. Denn unzweifelhaft war sie ein Teil davon geworden, und das hatte sie nachlässig werden lassen. Sie hatte den Daten der 'Black Weapons' ohne Widerspruch vertraut, hatte nicht selbst aufklären lassen - und es hatte sich bitter gerächt. Reyes war von einem der Jedi der Arm abgetrennt und von Rep-Medizinern wieder angesetzt worden, Chef'orm'bintra humpelte deutlich und hatte nach der Rückkehr weitere medizinische Versorgung gebraucht.
      Es waren Fehler gemacht worden und sie hatten dafür bluten müssen. Selbst das Missionsziel, den Politiker auszuschalten, hatten die Republikaner für sie erreicht und nicht sie selbst. Zunächst von einer Flashbang betroffen, hatte der gefesselte Politiker am eigenen Erbrochenen gewürgt und war schließlich von einer Kryogranate eines Kommandos getroffen worden. Ironischerweise waren alle Maßnahmen, die zu seiner Rettung hätten dienen sollen, für den Chairman tödlich gewesen.
      Ihr leises Seufzen ließ eine neue Schwade an Blasen im Tank empor steigen, dann schielte sie auf das Chrono an der Wand. Noch zwei Stunden, Zeit für mehr grüne Träume. Und dann für jemanden, der sie abholen würde ..
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()


    • Der perfekte Moment - Teil 31: Gewalt ist doch eine Lösung

      Ihr Schädel dröhnte, als der Mandalorianer seinen Kinnhaken durchgezogen hatte. Trotz Helm war die Wucht des Schlages deutlich zu spüren, und in diesem Moment war Lieutenant Lienas van Arden froh darum, dass sie sich der Weisung, gerüstet zu kämpfen, gebeugt hatte. Ein Schlag dieser Art gegen das unbehelmte Kinn hätte ihr sicher ein blaues Ei beschert, das die kommende Woche weithin sichtbar davon gekündet hätte, dass ihr Kampfgegner wusste, was er tat.
      Sie blieb ihm nichts schuldig, vor allem den Tritt nicht, den er ihr bei seiner Eröffnung zu geben versucht hatte. Ob ihn das Manöver erstaunte, ließ er sich nicht anmerken, aber sie zog eine ganz gewaltige innere Befriedigung daraus, dass er fast eingeknickt wäre. Am Ende des Trainingskampfs schwitzte sie und der stetige, leise Schmerz in ihrer linken Schulter war vergessen, hatte jenem Triumphgefühl Platz gemacht, das sie immer beschlich, wenn sie mit einen herausfordernden Gegner kämpfen durfte. Und beide lachten. Der Spaß an der Sache kam nicht zu kurz, er war von Anfang an greifbar gewesen. Wenn man bedachte, dass Lienas nur der Einspringer für Staff Sergeant Limsharn war, der beim gemeinsam mit den mandalorianischen Söldnern vereinbarten Training dann doch dienstlich verhindert gewesen war - und ihr dieser Kampf vielleicht sonst entgangen wäre?

      All das war eigentlich auf Master Sergeant Kreldos Mist gewachsen und hatte sich als erstaunlich brauchbar erwiesen. Schon seit einigen Jahren arbeitete das Imperium immer wieder mit mandalorianischen Söldnern zusammen, seit der Ruf des Mandalore zu den Waffen erfolgt war. Auch das Sturmregiment hatte ein gerüttelt Maß an Söldnern abbekommen, wenngleich sich die letzten nicht gerade mit Ruhm bedeckt hatten. Die unnötigen und vor allem vermutlich dem jugendlichen Alter der beiden Hauptquerulanten geschuldeten Konflikte hatten Lienas bezüglich Mandalorianern vorsichtig gemacht, aber auch nicht ausgeschlossen, sich eines Besseren belehren zu lassen.
      Und das war nun geschehen - Kreldo hatte einige brauchbare Kämpfer für ein gemeinsames Training interessierter Soldaten von Fort Asha engagiert und die Mandalorianer hatten gehalten, was versprochen worden war: Neue Ansätze im Kampf, neue Techniken, spannende Taktiken. Ein voller Erfolg, und was sie wirklich nicht erwartet hatte, war eingetreten: Der Kampf hatte Lienas' inneres Selbst wieder wachgerüttelt, das seit der katastrophal schiefgelaufenen Mission auf Coruscant überaus und vor allem überall angeschlagen gewesen war. Gefangen, schwer verletzt, nun mit einem kybernetischen Ersatzteil im Körper, schlechter hatte es nicht laufen können.

      Und jetzt: Ein völlig Unbekannter hatte sie als zurückschlagenden Sandsack benutzt und sie fühlte sich mit einem Mal wieder wie sie selbst. Sie musste ein paar Mal während des Kampfes lachen, und die Hochstimmung war geblieben. Von ihrem Gegner wusste sie nur den Namen und seine Beschäftigung - und dass er gut war. Und doch hatte er ihr etwas geben können, woran andere zu einem guten Teil gescheitert waren.
      Aaray vom Dha'beviin-Clan. Übersetzt bedeutete sein Name 'Schmerz' - wie er wohl dazu gekommen war? Mandalorianer waren immer doppeldeutig, soviel hatte sie inzwischen erkannt. Die Farben ihrer Rüstung, die Bedeutung der Worte ihrer Sprache, ihr generelles Tun. Oberflächlich betrachtet wirkten sie geradlinig und unbeirrbar, doch kratzte man die Beskar-Kruste weg, entfaltete sich etwas sehr komplexes. Eine Herausforderung, ganz sicher. Eine Kultur, die sich so sehr von der imperialen unterschied, und in der sie doch genug Vertrautes entdeckte, um das Gefühl zu gewinnen, dass da irgendwo etwas war, dem sie sich verbunden fühlen konnte. Es war wie das kleine Bergdorf auf Alderaan, das man ihr als Lehen verliehen hatte. Als sie es besucht hatte, war sofort ein Gefühl der Verbundenheit dagewesen, hatte sie sich inmitten schroffer Gebirge, eiskalter Luft und dem würzigen Duft der Bäume und Gräser ankommen gefühlt. Wildes, ungezähmtes Land.
      Captain Thrace hatte es angesichts ihrer schwarzen Stimmung mit Verständnis und gutem Zureden versucht, wie erwartet - und auch damit, dass er sie die Dinge in ihrem eigenen Tempo erledigen ließ. Dass er besorgt war, sie mit dieser Besorgnis jedoch nicht offensichtlich verfolgte. Auch wenn sie natürlich wusste, dass er sich Gedanken machte und diese Gedanken nicht zu unterdrücken waren. Er hatte ihr ein Ohr und eine Schulter geboten und ihre schwärzeste Wut und größte Unsicherheit gedämpft.

      Und schließlich durch seine Geduld dafür gesorgt, dass sie das meiste von dem hatte loslassen können, das ihr seit der Rückkehr von Coruscant immer und immer wieder im Kopf herumgezirkelt war. Versagen war nichts, was sie sich gestattete, und auf T-Zero hatten sie versagt. Hatte sie versagt, und von dieser Ansicht war sie nach wie vor nicht abzubringen - aber zumindest hatte sie sich jetzt wieder aufgerappelt, wissend, dass sie auch nach einem gravierenden Fehler Rückhalt ohne Vorwürfe erfahren konnte. Und er hatte geschwiegen, jenen Abend der Schwäche direkt nach der Rückkehr nicht erneut thematisiert - dafür war sie nach wie vor dankbar. Er hatte ihr die Rückkehr in die Normalität ermöglicht, den Alltagsdienst, die alltäglichen Sorgen, die so vertrauten Rituale wie ein paar gemeinsam gerauchte Kippen an der besonderen Säule vor dem Kasernengebäude. Langsam hatte das Gefühl nachgelassen, immer innerlich auf dem Sprung sein zu müssen, an jeder Ecke einen Feind vermutend.
      Er war einfach da gewesen, ohne Anspruch, ohne Hektik - und damit genau das Richtige getan. Sie würde vermutlich nie verstehen, warum er so wenig auf seine Kompetenz als Offizier vertraute, aber irgendwann würde sie es ihm vermutlich einprügeln oder auf die Haut tätowieren müssen, damit er es sich endlich merkte ...

      Master Sergeant Blex hatte es mit knallhartem Realismus versucht, als sie fast ins Jammern abgeglitten war. Von einem anderen Veteranen zu hören, dass der Kampf beider Leben und vermutlich auch beider Tod sein würde, hätte vermutlich jeden Zivilisten zutiefst irritiert. Für den demoralisierten Lieutenant waren es jedoch genau die richtigen Worte gewesen, hatten sie das Kinn trotziger recken lassen, um den Tatsachen ins Gesicht zu blicken: Ja, ihr Körper wollte ihr inzwischen nicht mehr so dienen wie früher. Sie steckte Verletzungen nicht mehr so gut weg wie früher - aber ihr Wille war ungebrochen, und dieser entschied letztendlich.
      Dass ihr Blex ebenfalls etwas versprochen, einige Erlebnisse aus seinem Urlaub und seine Gedanken um seine seit langem unerreichbare Verlobte mit ihr geteilt hatte, tat sein übriges, um ihr das Gefühl von Normalität zurückzugeben - und das Wissen darum, dass ein Band, welches seit langer Zeit zwischen ihnen geschmiedet worden war, ein wenig mehr Festigkeit erhalten hatte. So unterschiedlich sie auch sein mochten, es gab Übereinstimmungen. Kameradschaft zwischen einem Offizier und einem Unteroffizier. Oder eben zwischen zwei Kämpfern, die genau wussten, wer sie waren.

      Private First Class Avanum Jiros, ihr unvermeidlicher und in so vielem auch unersetzlicher Schüler, hatte ihre miese Laune ebenfalls ertragen müssen. Neben seinen ausführlichen Eingangslektionen im Umgang mit der 'Mind Map', die sie für ihre geheimdienstliche Arbeit seit vielen Jahren als nützliche Stütze kennengelernt hatte, war es natürlich nicht ausgeblieben, dass er bemerkte, dass sie etwas mit sich herumschleppte. Und er hatte es aus ihr geduldig herausgekitzelt, unterstützt von jenem tauben und nervtötenden Gefühl, das ihr die Fieber- und Entzündungshemmer oktroyierten. Dazu raubten sie ihr seit den 18 Stunden im Koltotank auch noch jeglichen Geschmackssinn. Für einen Menschen mit ausgesprochenem Hang zum Genuss ein Grund mehr, um sich zu ärgern.
      Vermutlich hatte er sich nicht anders zu helfen gewusst, aber insgeheim glaubte sie eher daran, dass er den Effekt sehr bewusst einkalkuliert hatte - er hatte sie schließlich in die Messe geschleppt und großzügig mit Alkohol versorgt. Hartem Alkohol, um genau zu sein. Jiros hatte all die Lektionen der vergangenen Monate offensichtlich gut im Gedächtnis behalten.

      Flottensprit, der selbstgebrannte Schnaps, der als Tradition von den beiden Ex-Navy-Leuten Va'Tharr und Limsharn auf den Stützpunkt geschwappt war und den Lienas selbst noch zur Genüge auf der 'Emperor's Fist' kennengelernt hatte. Flottensprit war mit das Übelste, das man im weiten Umfeld bekam und erstaunlicherweise half er. Unterstützte die Wirkung des Medikaments, dass sie nicht nur angenehm besäuselt, sondern vor allem schmerzfrei wurde. Seitdem kippte sie jeden Abend ein Gläschen, um im Anschluss in Ruhe schlafen zu können. Jiros hatte sie zum ersten Mal vermutlich ziemlich besoffen erlebt. Und dazu geschwiegen an den folgenden Tagen, an denen sie wieder in korrekter Uniform und polierten Stiefeln zum Dienst erschienen war, den Offizier hatte heraushängen lassen, weil es zur Arbeit gehörte. Er hatte sich mit einem stillen Lächeln von ihr triezen lassen, weil das der Normalzustand war, mit dem beide gut zurecht kamen. Auch das würde sie nicht vergessen.

      Gemächlich schlüpfte die Offizierin in die Handschuhe, die zu ihrer auf Beweglichkeit ausgelegten Gefechtsrüstung gehörten und blickte sich in der Trainingshalle um, die sie extra für diesen Zweck gemietet hatte. Es war ein nüchterner, neutraler Raum, ausgesprochen imperial. Aber er musste weder schön noch heimelig sein. Beleuchtung, Trainingsmatten auf dem Boden und ein Dach über den Köpfen reichten vollkommen. Hauptsache, man konnte sich hier gepflegt die Köpfe einschlagen, und genau das hatte sie an diesem Abend vor. Sie bezahlte den Mandalorianer aus ihrem Privatvermögen, das wesentlich mehr privat als Vermögen war, aber das war ihr die Sache wert. Fast jeder Credit, den sie in der letzten Zeit verdient hatte, war in ihre Kampfkasse geflossen, doch hier machte sie sehr bewusst eine Ausnahme. Es würde ihr guttun, den Kopf freibekommen. Sie wieder auf das Wesentliche zurückführen - und dafür war sie bereit, eine gute Summe zu investieren. So viel war sie sich selbst wert.
      Vor allem, seit sie sicher wusste, dass Arric noch lebte. Nach wie vor nahezu unerreichbar, aber am Leben. Ihr republikanischer Kontakt hatte sich gemeldet, endlich, und die Nachrichten waren einerseits erfreulich, andererseits besorgniserregend gewesen. Wie hältst Du dich? Natürlich hatte er gefragt. Auch er war ein mitfühlender, empathischer Mann. Ein aufrechter Paladin, der am liebsten die halbe Galaxis gerettet hätte und sie mit dazu. Dabei war sie die Art Prinzessin, die nicht auf einen Prinzen samt teurem Raumschiff wartete, sondern selbst mit dem Blaster in der Hand zur Tat schritt. Lienas schmunzelte leicht vor sich hin, den Kopf schüttelnd. Stell Dir vor, sie haben mich zum Captain gemacht. Ihre Mundwinkel zuckten umso deutlicher empor, als sie sich den verrückten Humor des Schicksals bewusst machte.

      Die neuen Rangabzeichen standen ihm sicher gut, und die republikanische Captainsuniform machte sehr viel her - und damit verbunden war dieselbe Scheisse, die sie auch täglich erlebte. Verantwortung. Flimsikram. Behördenschwachsinn, von dem die Republik ohnehin bis unter die Halskrause angefüllt war. Es war gut zu wissen, dass er noch lebte. Dass es für ihn voran ging und dass man seine Leistung endlich anerkannte. Er hatte es wirklich mehr als verdient. Ob es dort drüben jemanden gab, der sich um ihn kümmerte, wenn er einen schwarzen Tag erlebte? Bestimmt. Hoffentlich mehr als nur eine Person. Hoffentlich viele, die ihm halfen, seine Last zu schultern, wo sie es wegen den unerheblichen Faktoren der Entfernung und der verschiedenen Fraktionen nicht konnte.
      Immerhin hatte auch sie diejenigen, die ihr halfen, ihre Last zu tragen. Hilfe. Freundschaften. Beistand. Ist es so, wenn man irgendwo ankommt? Als sie die Gürtelschnalle geschlossen hatte, lehnte sie sich zurück und rief die letzten Tage wieder ins Gedächtnis.
      Und dann musste sie lachen. Lachen, wie sie im Kampf gelacht hatte, als ihr ein guter Treffer auf Aarays Körper gelungen, lachte wie er, als er diesen eingesteckt hatte wie eine Medallie. Lachte wie Blex bei der Erinnerung an das einwöchige Besäufnis mit seinem Bruder in dessen Wohnung auf Nar, wie Jiros, wenn ihn gerade wieder der Schalk ritt und er versuchte, mit einer frechen Bemerkung seine Grenzen auszutesten.

      Sie lachte beim Gedanken an Carssons vorsichtige Belustigung, austestend, wie gut es ihr wirklich wieder ging, lachte über die ganze verfahrene, komplizierte, schwierige Situation, den Blick von Stryder-Garrde beim Anblick ihres neuesten Offiziersutensils, über den verdammten Krieg in der Galaxis, der zu ihren Lebzeiten vermutlich nicht enden würde - und als sie nach Atem ringend inne hielt, fühlte sie sich seltsam beruhigt. Scheisse ja, das Leben war schwierig und neigte in letzter Zeit immer wieder dazu, ihr dicke Knüppel zwischen die Beine zu werfen, aber dafür gab es andere, die ihr wieder aufhalfen. Und ab und an war auch Gewalt eine gute Lösung. Manchmal musste man sich eben prügeln, um sich wieder wie die Person zu fühlen, die man war ...
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Csan ()




    • Stille. Der kleine, zehn Quadratmeter umfassende Raum, in dem nur die schwache Notbeleuchtung aktiviert war, befand sich tief innerhalb der durastählernen Eingeweide des Schlachtschiffs Arch of Tears und diente bis zum endgültigen Abschluss des Umzuges als Quartier für Lieutenant Lienas van Arden. Sie lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett, atmete flach und konzentrierte sich auf die Stille. Noch immer schmerzte ihr Schädel von den sieben Tagen im OpCom.
      Die Menge der auf ihr Bewusstsein einprasselnden Funksprüche war irgendwann einfach zu viel gewesen. Einzelne Gedanken verstummten, und machten purer Reaktion Platz. Sie hatte funktioniert, und gemessen am Erfolg der Mission, vermutlich auch sehr gut. Dennoch empfand sie keinen Triumph, konnte auch jetzt noch nicht feiern. Dafür war sie auch zwei Tage nach dem Abflug Richtung Dromund Kaas einfach zu erschöpft. Die blutigen Details des Kampfes hatten andere erledigt, diesen hatten die Offiziere nur aus der Operationszentrale in dem verlassenen Militärstützpunkt der janukianischen Armee verfolgen können. Und doch fühlte sie sich, als hätte sie die vergangenen Tage direkt an der Front verbracht, in der Kälte des dortigen Winters, blutend und frierend. Innerlich war ihr noch immer eisig kalt.

      Schneesturm. Der Ausfall des Com-Relais war passend wie die Faust aufs Auge geschehen, als die Witterung von arschkalt auf arschkalt mit einer Unmenge Schnee umgeschlagen war. Die Soldaten waren aufgebrochen, um von einer Versorgungsstation eine Ersatzbatterie für das Relais aufzutreiben und mussten sich prompt gegen wütende, katzenartige Wesenheiten behaupten, die in ihnen ein passendes Abendessen gesehen hatten. Gleiches am Tag darauf, als sie bei dem Versuch, den Schacht für das Reaktorkühlwasser zu räumen, die Bombe Marke Eigenbau inmitten von Durabeton und einer Menge Eiswasser hervorgestöbert hatten.
      Sofort hatte Lienas befohlen, den Stützpunkt zu räumen, denn es war nicht klar abzusehen gewesen, aus was genau diese Bombe bestand, eine hübsche kleine Hinterlassenschaft der Widerständler. Und ein weiteres Mal hatten sich die Soldaten gegen die wütenden Raubkatzen von Januk 2 verteidigen müssen. Auf den Großkampfschiffen war viel weniger los gewesen, und sich langweilende Funker waren ihr seit diesen Tagen verhasst. Der Klang von sich überschlagenden Stimmen, Blasterfeuer, das unendlich langsame Voranschreiten der Bergungsdroiden und die gelangweilten Meldungen der Funker von der Corona und der Arch of Tears, die sich gegenseitig die Heldentaten ihrer Schiffe aufgezählt hatten, weil es sonst gerade für sie nichts zu tun gab, waren eine Mischung, die sie ein paarmal hatte schreien lassen.
      Glücklicherweise konnte man das Mikrofon deaktivieren und niemand sonst hörte sie vor Frustration schreien. Und die beiden Captains befanden sich nicht dauernd in der Op-Zentrale, sodass ihr wenigstens diese Momente vergönnt waren. Die Verhandlungen mit dem Widerstand verliefen ohne Ergebnis, und nach vier Tagen auf dem Planeten gingen die imperialen Kräfte in die Offensive.

      Zuerst ein Angriff auf einen Aussenposten des Widerstandes, der von einer kleinen Einheit Kämpfern und schweren automatischen Geschützen beschützt wurde. Da hatte Limsharns legendärer 'Läuferlocher', die Duragan-DLR, wieder beste Dienste geleistet, aber auch die Leistung des restlichen Teams war gut gewesen. Sicher, sie hatten ein bisschen was abbekommen, und die Flüche von Master Sergeant Blex waren wie immer legendär genug gewesen, um Lienas dessen zu versichern, dass es brauchbar lief. Erst wenn er gar nicht mehr fluchte, machte sie sich ernsthaft Sorgen, dennoch musste sie sich sehr beherrschen, nicht öfter nach dem Status des Vorrückens zu fragen.
      Danach, wer was gemacht hatte und ob nun alle Geschütze ausgeschaltet waren. Es blieben nur die Überwachungsbilder aus dem Orbit und die automatischen Statusmeldungen der Rüstungen, um sich zu vergewissern. Dass sie nicht neben Blex und Limsharn an vorderster Front stehen konnte, ließ sie in der Zentrale hin und her laufen wie ein Tier im Käfig, was zumindest Captain Stryder-Garrde überhaupt nicht verstanden hatte. Er sah seinen Platz genau dort, in der Schaltzentrale der Macht, wo alle Informationen zusammenliefen. Dass sie darin jedoch weitaus weniger Chancen hatte, irgend etwas zu bewegen oder im Auge zu behalten, als direkt vor Ort, erwies sich an diesem Tag, als es den Soldaten gelungen war, den Aussenposten einzunehmen.

      Sith Xzari hatte sich von der Gruppe abgesetzt und war verschwunden, während die Soldaten sich noch versorgten und Informationen aus den Computern des Aussenpostens sammelten. Erst eine großangelegte Suche mit Shuttles hatte sie wieder auf die Spur der Sith gebracht - im Kampf mit einem Jedi, und deswegen enorm angeschlagen. Wenigstens hierbei hatte sie noch etwas tun können und war mit an Bord des Shuttles gegangen - die Ankündigung, den Jedi mit den Bordgeschützen zu bombardieren, hatte ihr seltsam viel Spaß gemacht.
      Er hatte sich prompt mit einem hohen Sprung in Richtung des Shuttles gerächt und versucht, die Stabilisatoren mit seinem Lichtschwert zu zerstören - glücklicherweise hatte der Pilot genug Erfahrung und Geistesgegenwart besessen, dass sie nicht abgestürzt waren, und als sie Xzari an Bord brachten, konnte Lienas auch die wütenden Vorwürfe unterdrücken, die ihr auf der Zunge lagen, weil sie ziemlich zerfleischt aussah. Die erste Kandidatin des Einsatzes für den Koltotank, die prompt zur Arch of Tears ausgeflogen wurde. Und die Verletzten mussten es einfach aushalten. Keine Sonderrechte für Soldaten.
      Wenigstens war Blex nach seiner Verletzung von dem Schneesturmausflug wieder auf den Beinen gewesen und hatte die Gruppe anführen können. Reichlich seltsam, ihn zu füttern, während Private Wheest dabei zugesehen hatte, als wäre es irgendwie abnormal. Daran bemerkte man wirklich, wer schon Einsatzerfahrung hatte und wer nicht - und Theila Wheest war in vielem so grün, wie man nur sein konnte. Alleine schon ihre Mütze mit den Plüschohren, mit der sie einmal sogar zum Dienst erschienen war. Aber es brauchte wohl jeder irgendwas, um mit alledem fertig zu werden. Wheest hatte, im Gegensatz zu dem ein oder anderen, wenigstens das Herz am rechten Fleck und die richtige Einstellung. Sonst hätte Lienas ihr auch nicht später ihre Mütze auf den Tank gelegt ...

      Dann der Angriff auf den Bunker mit der Luftverteidigungsanlage - die Daten dafür hatten die Techniker aus den Aufzeichnungen des Aussenpostens gewinnen können und damit das nächste Ziel festgelegt, unerlässlich für ein Gelingen des gesamten Feldzuges. Nur wenn die vom Widerstand und ihren republikanischen Unterstützern kontrollierte Luftverteidigungsanlage deaktiviert wurde, konnten die Großkampfschiffe ihre volle Wirkung entfalten und mit einem Flächenbombardement letzten Widerstand brechen. Also gab es einen neuen Befehl, neues Vorrücken einer kleinen, aber entschlossenen Truppe. Und den übermächtigen Wunsch, nicht immer nur alles zu beobachten, sondern handeln zu dürfen. Ein Tag mehr, in dem sie in der Zentrale Kreise gelaufen war, ohne die Gelegenheit, sich Luft zu machen.
      Vor allem, weil sowohl Blex als auch Limsharn mit Blessuren in den Kampf gingen und die Übermacht auf der anderen Seite sich schon auf den Aufklärungsbildern abgezeichnet hatte. Die Chancen standen schlecht. Einer mehr hätte vielleicht einen größeren Unterschied gemacht. Sie hätte einen Unterschied machen können, wie sie verkrampft auf ihrem Stuhl saß, den Meldungen lauschte, Mut zusprach. Und sie waren vorgerückt. Stryder-Garrdes Miene war stets konzentriert geblieben, ganz der Mission zugewandt - ganz in seinem eigentlichen Element. Lienas hatte mit aller Gewalt beherrscht bleiben müssen, damit ihre Intonation ihre Sorge nicht verriet. Einmal mehr ein Blick darauf, dass sie vermutlich niemals als Offizier wirklich taugen würde.
      Zu viel Emotion. Zu nahe bei den Leuten, denen sie nicht helfen konnte. Dann waren die ersten Meldungen über Verletzte hereingekommen, während auf den anderen Frequenzen der Angriff abrollte. Bomber, vorrückende Truppen an anderer Stelle, um Lord Kifdas' Befehlen zu folgen. Blut und Knochen, die dem Willen nur einer einzigen Person entsprachen.

      Jiros' Verletzung war wie ein Eimer mit eiskaltem Wasser direkt über ihren Kopf ausgeschüttet, ein kalter Griff um ihr Herz. Ihr Schüler kämpfte da draussen und sie konnte nur versuchen, ein paar Combat Medics zu organisieren, die ihm beistanden und ihn wieder zusammenflickten. Dann kam die Befehlsübergabe von Blex an Limsharn, was bedeutete, dass auch dieser ausgefallen war. Wütende Gespräche mit einem sturen anderen Lieutenant, der seine Mediziner nicht hatte herausrücken wurden und schließlich von Lienas über Funk einfach nur noch angebrüllt wurde, bis er klein beigab. Und Master Sergeant Kreldo, die sie als Unterstützung in den Kampf schicken mussten, weil jeder Kämpfer gebraucht wurde. Reyt'urcye mhi.
      Wieder die Doppeldeutigkeit des Mando'a, das aus der Verabschiedung auch eine Gewissheit machte. Ein kurzer, aufblitzender Moment des tiefen Verständnisses zweier Kriegerinnen, dann mussten Lienas' Gedanken zu den Display zurückkehren, aus den vielen auf ihren Kopf einströmenden Worten den bestmöglichen Sinn destillieren.
      Nachrückende Republikkräfte, welche versuchten, den Bunker zurückzuerobern und die bereits angeschlagene Gruppe unter Druck setzten. Im Geheul der Feueralarmsirenen weiteres Bellen der Blastergewehre, Flüche, Geschrei, und endlich, endlich konnten die Bomber aufräumen, war der Leitcomputer deaktiviert. Länger hatten sie vermutlich nicht durchgehalten, trotz der beiden Combat Medics, trotz Kreldo, trotz aller Entschlossenheit. Ein hart erkämpfter Sieg, mit Blut und Schweiß und Tränen. Wheest, Blex, Jiros und Limsharn hatte es am Schlimmsten erwischt, doch auch andere waren angeschlagen. Erleichterung überall, als sie die siegreichen Kämpfer zur Arch of Tears ausfliegen konnten.

      Januk 2 war eine erfolgreiche Operation gewesen, doch innerhalb der Galaxis warteten weitaus schrecklichere Gefahren als Widerstandskämpfer oder republikanische Soldaten. Mehr, als sie jemals hatte wissen wollen, mehr als sie begreifen konnte. Es sieht so aus, als hätte Lord Shivas doch Recht gehabt. Die Bilder von Ziost legten diese Hypothese nahe. Ein zerstörter, verheerter Planet, einst die Blüte der Sith-Kultur.
      Inzwischen nur noch Staub und Asche, leblos und vernichtet. In der stillen Dunkelheit ihres Quartiers wirkte es gleichermaßen beängstigend wie surreal. Was können wir überhaupt noch tun? - Weiterkämpfen und durchhalten, bis wir eine Chance auf den Sieg erhalten.
      Das Gesicht von Captain Stryder-Garrde hatte noch nie so müde und mutlos gewirkt wie in diesem stillen Moment auf der Brücke der 'Arch of Tears', als er ihr das Datapad mit den neuesten Informationen von der Zerstörung Ziosts übergeben hatte.

      Hätte er nicht damit eine Nacht warten können? Sie damit verschonen, der unausweichlichen Erkenntnis, dass in der Galaxis nichts, aber auch gar nichts mehr in Ordnung war? Am liebsten hätte sie ihn angebrüllt, ihm das Datapad um die Ohren geschlagen. Wenigstens eine Nacht Freude hätte er ihr gönnen können, nur diese eine Nacht, die sie für die vergangene Woche Knochenarbeit entschädigt hätte. Aber vielleicht war die Last dieses Wissens auch zu schwer für einen alleine gewesen. Zu schwer für ihn, einfach unerträglich für jemanden, der viel mehr als sie an den Imperator und die Richtigkeit seines Tuns geglaubt hatte.
      Also hatte Lienas ihren Teil geschultert und geschwiegen, den Soldaten ihre Feier gegönnt. Den Captain mit hartem Alkohol versorgt und mit der Gelegenheit, sich für ein paar Stunden abzulenken. Die Gedanken verdrängt, dass vielleicht alles sinnlos war, was sie taten, was sie plante, um ihren Bruder zu retten, und einfach weitergemacht.
      Wie sie es immer tat, wenn die Zweifel zu groß wurden und sie den Weg nicht mehr klar sehen konnte, der vor ihr lag. Besser voraneilen als verharren und sich vom Scheitern einholen zu lassen. Was Radis wohl sagen würde, wüsste er von Ziost? Würde er ansprechen, wie falsch der Weg des Imperiums mit einem solchen Anführer war?
      Ihre Mundwinkel hatten vom Schmunzeln geschmerzt bei der Runde durch die Krankenstation, als der Captain und sie die Verletzten besucht hatten. Mut zugesprochen, Verdienste gelobt. Offizier gespielt, wieder einmal. Und wieder einmal war ihr diese Rolle besonders schal und leer erschienen. Noch immer wollte das Publikum nicht applaudieren. Es wusste nicht einmal, dass hier eine Rolle gespielt wurde.

      Und neue Befehle - die Arch of Tears würde nach Dromund Kaas zurückkehren, das Regiment von Jaguada nach Kaas City verlegt. Kommando zurück. Selbst ihren wenigen Besitz konnte sie nicht selbst einpacken, das erledigten Droiden auf dem Stützpunkt Fort Asha. Würde sie den Planeten vermissen, das Fort, die Umgebung, die dann doch inzwischen vertraut war? Als Captain Thrace ihr eine solche Frage gestellt hatte, wusste sie darauf keine gute Antwort.
      Die Rauchersäule vielleicht, aber ansonsten? Es war ein Ort unter vielen, und selbst mit Dromund Kaas verband sie nicht mehr viel. Für sie hatten immer viel mehr die Momente gezählt, die Menschen, mit denen sie diese erlebte. Neue Details für das Reservoir an guten Dingen tief in ihrem Inneren, von dem sie zehrte, wann immer sie Trost brauchte.
      Mit Jaguada verbanden sich einige dieser Momente, ganz sicher, es waren nicht wenige hinzugekommen. Überraschenderweise sogar recht viele. Fort Asha würde ihr positiv in Erinnerung bleiben, und nun würden andere Ereignisse kommen. Wenn die Zeit dazu blieb. Still blickte sie an die Decke ihres winzigen Quartiers und folgte den Nahtlinien des Durastahls. Die Antworten auf die vielen Fragen wollten sich nicht einstellen. Was war an der Welt noch richtig, wenn sich der Imperator gegen sein Imperium stellte? Gab es überhaupt noch einen Sinn in alledem?

      Wieder schob sie die Gedanken beiseite und beschäftigte sich mit den weitaus dringlicheren Problemen. Blex besuchen, Jiros besuchen, auf Dromund Kaas wieder ankommen. Ein paar Tage Urlaub vielleicht. Vielleicht sogar auf Alderaan, um nach ihrem Lehen zu sehen und die Verwandtschaft zu besuchen. Und Nar Shaddaa, um dort Waffen einzukaufen, die sie für ihren kleinen Feldzug brauchen würde - einfach so tun, als gäbe es Ziost nicht. Als könnte nicht ein überaus mächtiges Wesen einfach einen Planeten auslöschen.
      Einfach nicht dran denken, nicht an die Splitter des Sieges, die sich noch immer schmerzhaft in ihren Kopf bohrten, nicht an die Worte, die in ihrem Schädel eingebrannt waren, nicht das müde Lächeln von Captain Thrace, den die Stunden in der Operationszentrale ebenso erschöpft hatten wie sie. Sie waren nicht einmal groß dazu gekommen, während des Einsatzes miteinander zu sprechen, geschweige denn mal eine zu rauchen.
      Die Gespräche mit ihm fehlten ihr, und ebenso die Ruhe, die er stets ausstrahlte. Sie würden sich erst auf Kaas wiedersehen, wenn auch seine Einheit dort angekommen war und dann vielleicht endlich ein wenig Zeit dafür haben. Com-Nachrichten auf die Entfernung waren einfach kein Trost. Ziost. Zumindest ein Gutes hatte diese ganze Angelegenheit - beide Einheiten waren auf die Hauptwelt zurückverlegt worden. Einfach weitermachen. Bitter lächelnd drehte sich die Offizierin auf ihrem Bett auf die Seite und versuchte zu schlafen, allen kreisenden Gedanken zum Trotz.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()


    • Der perfekte Moment - Teil 33: Absturz

      Der Wind peitschte ihr hart ins Gesicht, während die beiden Körper, durch ein Geschirr aus Gurten und Schnallen aneinander gekettet, wie ein vierbeiniger Stein in die Tiefen hinab stürzten. Regentropfen bohrten sich wie feine Nadeln in ihre Haut, der unvermeidliche furchtbar enervierende Regen von Dromund Kaas, klatschte auf ihren Körper, durchnässte innerhalb kürzester Zeit ihr Haar, durchtränkte die Freizeitkombination, und ließ sie fast sofort bereuen, dass sie sich auf diesen Sprung eingelassen hatte.
      Lienas van Arden hatte sich immer als Bodenbewohnerin verstanden, und alles, was irgendwie mit Fallschirmsprüngen oder Orbitalsprüngen zu tun hatte, war ihr aus Prinzip verhasst. Sie hörte den begeisterten Schrei Avanums, der sie im Tandemgeschirr unter sich angeschnallt hatte, seine sich vor Begeisterung überschlagende Stimme, und für einige Momente lang wurde ihr das Herz auch leichter. Es war leicht, sich von ihm anstecken zu lassen, sich nur auf diesen Augenblick zu konzentrieren. Das hatte er schließlich gewollt, als er sie mitgeschleppt hatte. Nun griff der Wind mit seinen eisigen Fingern in ihr Haar, ließ die kurzen Strähnen flattern, während irgend etwas in ihrem Magen hin und her geschwenkt wurde.

      Die korrekte Flughaltung einnehmend, versuchte sie sich auf die kleineren und unwichtigeren Hochhäuser von Kaas City zu konzentrieren, die wie Stalagmiten dem Himmel mit seinen düsteren Gewitterwolken entgegen empor schienen. Das Dunkel der Stadt unter ihnen wurde von rötlichen und weißen Lichtpunkten durchbrochen, irgendwo weit hinter den Tandemfallschirmspringern krachte ein Blitz. Noch mehr Regen, kalte Nässe, die alle Gedanken fortwischte. Avanum zog die Reißleine für den Hauptschirm, und im Rauschen des Regens und des pfeifenden Windes knallte das zerreissende Gewebe des Schirmes wie ein Projektilschuss. Lienas' Kopf ruckte herum, sah für eine Sekunde lang dem davonflatternden knallroten Stoff hinterher. Der Boden kam näher, unaufhaltsam, mit jeder Sekunde weitere Meter.
      Wind zerrte an ihrem Leib, ließ ihre Kleidung laut flattern. Der heiße Griff des Adrenalins nach ihrem Herzen pumpte sofort neuen Willen durch ihre Adern, sie musste den Impuls unterdrücken, sich irgendwo festhalten zu wollen, um den schnellen Fall zu bremsen.
      "Reserveschirm!" brüllte sie gegen den Wind, die Worte fast sofort von diesem fortgerissen, sodass sie zweifeln musste, von Avanum verstanden worden zu sein. Sie versuchte, in sein Gesicht zu blicken, sich der Last seines Körpers auf dem ihren umso bewusster - dann endlich schaltete er, mit einem Handgriff die Flut an schnell wechselnden Bildern in ihrem Kopf unterbrechend. Ein weiteres Rucken, das durch die beiden Leiber ging, als sich der Reserveschirm entfaltete, für genau drei Sekunden den schnellen Fall bremste.

      Ein neuer Knall, und dieses Mal hörte sie auch von Avanum einen erstickten Laut des Erschreckens. Wie konnte es sein, dass gleich beide Schirme funktionsuntüchtig waren und von der Luft zerrissen wurden? Aber es blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Überleben! Mehr als die Fetzen beider Schirme hatten sie nicht mehr, und nur den Abgrund aus Metall, Durabeton und harten imperialen Grundsätzen unter sich. Irgend etwas musste ihren Absturz doch bremsen können, vielleicht eine der überdimensionalen Fahnen ... in der Ferne gab es die Zitadelle, doch die war viel zu weit weg. Blut strömte ihr in den Schädel und hinterließ einen Schmerz, der ihr ihre Hilflosigkeit nur noch mehr vor Augen führte. So wollte sie nicht sterben, und vor allem, noch nicht! Während sie versuchte, durch Verlagerung ihres Körpers und mit rudernden Armen in die Richtung eines nahen Hochhauses zu steuern, drängten sich die vielen Bilder mit Macht zurück in ihr Bewusstsein. Wer wird denn jetzt übermäßig emotional, hm?
      Ein Arm, der tröstend um Schultern gelegt wurde, während Tränen nur mühsam zurückgehalten wurden, den tiefen inneren Schmerz erkennen ließen. So viel Empfindung hinter einer einer harten Fassade. Der Blick auf einen Rucksack, an dem eine zusammengerollte Decke angeschnallt war, eine besondere Decke, in der noch vage der Geruch zweier Körper hing, die sie sich teilten, wann immer die Gelegenheit dazu war. Eine Box, in der liebevoll zubereitetes Essen lagerte, schon vom Anblick her eine reine Augenweide, und erst der Duft - kleine Happen, die sie auf dem Flug verspeiste, sich an lange Stunden erinnernd. Auch Avanum ruderte nun, ihrer Weisung instinktiv folgend. Er schrie nicht, er bettelte nicht, es gab keine Panik, nur den unbedingten Willen, den sie ohne Worte teilten. Dort vorn war ein Hochhaus mit bodenlanger Fahne, wenn sie es nur erreichen könnten, sich darin verfangen, vielleicht ...

      Der Abgrund raste näher, Dunkelheit am Grund, Hände, die sich nach ihnen ausstreckten und versuchten, die beiden Körper mit ihrem eisigen Griff zu erreichen. Selten hatte Kaas City so schön und gleichzeitig so schrecklich ausgesehen, ein Fanal kalter Effizienz und Ordnung, in der zwei Leben mit vier Armen und Beinen versuchten, eine neue Richtung einzuschlagen. Crutios Blick, als er ihr nur die Wahl zwischen dem Tod eines guten Mannes oder dem Verrat gelassen hatte, eine weitere winzige Hoffnung, die tief in ihrem Inneren endgültig gestorben war.
      Enttäuschung ganz sicher, und Müdigkeit vor allem, irgendwo ertrinken in der Schwärze, wenn es keinen anderen Weg mehr gab als hinab in die Tiefe, zu all den verlorenen Hoffnungen und Wünschen und niemals ausgesprochenen Worten, die jetzt doch an die Oberfläche drängten, zusammen mit ihrem heftigen, rasenden Atem ...

      Keuchend richtete sich Lienas van Arden auf und brauchte einige Momente, um sich in der Düsternis des einfach gehaltenen Raumes zu orientieren. Alderaan, im Norden des Planeten, die Taar-Provinz. Im Kamin, der dem Bett gegenüber lag, war das Feuer längst zu einer vagen Glut erloschen. Während ihre Atmung langsamer wurde, starrte sie an die gegenüber liegende Wand und wischte mit der Hand den kalten Schweiß von ihrer Stirn.
      Der Traum war dem realen Geschehen erschreckend nahe gerückt, wenngleich auch bei dem letzten Ausflug, zu dem ihr Schüler sie genötigt hatte, der Reserveschirm aufgegangen und das Ganze nur eine fingierte Szenerie gewesen war.
      Dennoch konnte sie in diesem Moment die Bilder nicht abschütteln, diesie für gewöhnlich tief in ihrem Innersten verbarg, jedes an einem separaten Ort, damit sie sich nicht mischen konnten.
      Einen Blick auf den ruhig neben ihr liegenden Mann werfend, dessen Atmung verriet, dass er noch in eigenen Träumen verhangen war, glitt sie aus dem Bett und tappte in das dem Gemach angeschlossene kleine Badezimmer. Auch hier war die Ausstattung schlicht, aber gut gepflegt. Auf dem Waschtisch gab es eine große Tonschüssel, in welche sie aus dem daneben stehenden Krug frisches Wasser eingoss, mit dem sie ihr Gesicht benetzte. Die eisig kalten Tropfen rannen über ihr erhitztes Gesicht, hinterließen kristalline Spuren, während sie sich im Spiegel betrachtete, den Umrissen ihres müden Antlitzes nachforschend.

      Ja, es war höchste Zeit gewesen. Sowohl Jiros als auch ihr Captain hatten Recht gehabt, der Stress der letzten Wochen hatte sich in ihrem Inneren festgefressen. Es hatte den Geschmack des Todes gebraucht, um ihr das klar zu machen. Eines harten Kampfes ohne Regeln mit Aaray Dha'Beviin, um das Leben wieder zu spüren, und einer langen Unterhaltung auf dem Kopfteil eines imperialen Shuttles, um den Entschluss zur Tat reifen zu lassen. Irgendwann musste wohl jeder durchatmen. Sie fuhr mit der Hand über ihr Kinn, und der leichte Schmerz, den sie von ihrem letzten Trainingskampf mit dem Mandalorianer zurückbehalten hatte, kehrte wie ein alter, vertrauter Freund zurück.
      Hier auf Alderaan hatte sie Ruhe finden wollen, Abkehr von allem, das ihren Alltag bestimmte, und doch war sie wieder der Politik begegnet. Wenigstens war es nur ein bisschen Politik gewesen, gekrönt von einer überraschenden Übereinstimmung und einer noch überraschenderen Einladung. Danach hatte sie die Stunden noch mehr genossen, die ihr mit Carsson Thrace blieben - beim Wandern und Klettern auf dem Gebiet ihres kleinen Lehens.
      Das Wetter hatte mitgespielt, ihnen angenehmen Sonnenschein beschert, und an einem Ort ohne Coms, Dienst oder sonstige Pflichten hatte sie endlich loslassen können. Mit ihm konnte sie schweigen, und wenn sie gemeinsam auf irgendeinem Fels saßen, eine einfache Mahlzeit verzehrten, war sie zufrieden damit, sich einfach nur von der Sonne wärmen zu lassen.

      Sich das Gesicht trocknend, erlangte sie endlich die Kontrolle über ihre Atmung zurück. Lienas öffnete das Fenster des Bads und ließ die kühle Nachtluft in den kleinen Raum hinein, bis sie ein Zittern überlief. Hier war die Welt noch seltsam in Ordnung. Sicher, es gab eine Menge Probleme auf diesem Planeten, aber die drängendsten, die sie selbst betrafen, schienen nur noch gedämpft vorhanden.
      Vielleicht war es die klare Bergluft, die sie so durchatmen ließ - sie konnte es nicht sagen. Aber sie fragte auch nicht danach, sondern kehrte leise ins Bett zurück, sich an Carssons verlockend warmen Körper schmiegend. Seine regelmäßige Atmung hatte etwas beruhigendes, und während sie in den Schlaf glitt, konnte sie ihren Traum und den Sturz hinter sich lassen. Neue Bilder, aber dieses Mal lächelten ihr die vielen Gesichter stumm zu, jedes auf ihre eigene Weise. Das letzte Gesicht, bevor der Schlaf sie endgültig umfing, war das von Theila Wheest, im grünlichen Kolto still und von jeglichem Schmerz erlöst. Auf dem oberen Rand des mannhohen Koltotanks lag Wheests unvermeidliche Mütze mit den Plüschohren, und der Lieutenant lächelte ...
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()



    • Der perfekte Moment - Teil 34: Monster hier, Monster dort

      Nur schemenhaft waren die Umrisse des Ganges zu erkennen, in welchem die Soldaten vorrückten. Wenigsten gab es durch die abgeschlossenen Atmosphären ihrer Kampfausrüstung keine Möglichkeit, das zu riechen, was auf der Station vermutlich in der Luft gelegen hätte, aber der Anblick der verwesten, von unbekannter Seite geradezu ausgesaugten Leichen war ausreichend, um Beklemmung und stillschweigende Furcht hervorzurufen.
      Lienas van Arden bedauerte es zum ersten Mal wirklich, auch bei wenig Licht noch ausgesprochen viel sehen zu können, denn ihr blieben im Gegensatz zu den anderen die wirklich grausigen Details schrecklicher Tode nicht erspart. Wo immer sie hinblickte, sah sie den Tod, eine Art Gemetzel, das keinerlei Frieden für die Sterbenden gekannt hatte. Zerstörte Wände, tiefe Kratzer im widerstandsfähigen Metall, aus dem einst diese Station gefügt worden war. Welche Art Bestie konnte sich so tief in Metall schlagen, dass die Kratzer deutlich sichtbar waren, auch für das bloße Auge? Und - war sie noch hier? In der Düsternis, die nur vom roten Blinken von Notlichtern erhellt wurde, von den Helmlampen der Soldaten durchschnitten, lauerte so viel mehr als nur ungenannter Schrecken.

      Den Funksprüchen der anderen war anzuhören, dass sie die Atmosphäre auf der Raumstation bedrückte, dass die unerfahrenen Soldaten Angst hatten. Vielleicht nicht durch ihre Worte, sondern durch den Klang der Stimmen. Während Lienas als diensthabender Einsatzkommandant vor Ort das Vorrücken der drei Striketeams per HUD im Auge behielt, verteilten Blex, Kreldo und Limsharn ihre Trupps der Taktik entsprechend. Kreldos Leute ließen sich über einen Aufzugschacht ein Deck weiter hinunter, um dort zu erkunden, dann gellte ein Schrei durch die Finsternis.
      Private Adrens Körper verschwand in dem schmalen Spalt eines Schotts, zappelnd, von einem tentakelartigen Arm umschlungen, ohne dass die Soldaten sie hätten festhalten können. Dunkelheit waberte aus dem Schott, das Gesicht von Sith Xzari verzerrte sich vor Konzentration. "Ich kann hier .. nichts spüren .." Was war hier nur geschehen? Warum meldete sich Kreldo nicht, als Lienas ihren Status abfragte?

      Prächtige Gewänder, von den Damen und Herren des alderaanischen Adels mit Grazie und Eleganz getragen. Glitzernde Goldfäden, üppiges Geschmeide, süsser Duft der vielen Blumenbouquets, die an den Wänden aufgereiht waren, um dem Auge der Gäste und dem überaus wichtigen Anlass zu schmeicheln. So sauber, so vollkommen, so formvollendet gestaltet war alles, was an diesem Tag zu sehen war.
      Ganz der Hochzeit angemessen, die zwei Adelsdomänen miteinander vereinen und den Kindern aus dieser Verbindung ein größeres Erbe zugestehen würde. Haus Andayen und Haus Bahal, beide pro-republikanisch, und doch hatte sich niemand gegen die Anwesenheit einer imperialen Offizierin in Galauniform gewehrt. Sicher, sie war durch die Hintertür einer Einladung von Count Valnir Decanter unter die Gäste auf die verschwenderische Feier geschlüpft, aber doch war ein kleiner Teil von ihr sehr neugierig gewesen, ob man ihr aus ihrer offensichtlichen Zugehörigkeit einen Strick drehen würde.

      Es machte ihr insgeheim diebischen Spaß, die abweisenden Blicke zu sehen, selbst die Überraschung des Sith-Lords Shaghaal, der in dieser Gesellschaft als Baronet Regismund Thul auftrat. Sein Gesicht samt Statur hätte sie nach der Zeit auf Jaguada ohne Schwierigkeiten immer wiedererkannt, und hier fehlte seinem Antlitz nur die Verheerung durch die dunkle Seite, die ansonsten offensichtlich war. Selbst Sith-Lords nutzten wohl Schminke, um gewisse Offensichtlichkeiten zu überdecken...
      Ein Sitzplatz neben den beiden Garrde-Ladies, natürlich hatte sich Count Decanter dorthin begeben. Wohin auch immer Shanora Garrde schritt, folgte er ihr wie eine Kompassnadel dem Nordpol. Es war schon fast amüsant zu sehen, wie geschickt es die Countess anstellte, genau diesen Effekt hervorzurufen.

      Aber Lienas hatte auch nie daran gezweifelt, dass Shanora Garrde nicht sehr genau wusste, wie sie ihre Umgebung zu manipulieren hatte, um das zu bekommen, was sie wollte. Sie war eine Frau mit Sithausbildung, genau wie ihre Halbschwester Sheysa, und bestimmte Dinge verlor man nicht. Nur seltsam, wie unbeherrscht die beiden sich gaben - eifersüchtiges Getuschel über die Braut und irgend etwas, das der Bräutigam wohl einmal mit Shanora geteilt hatte.
      Kindergeschrei mitten im feierlichen Choral. Würdig auftretende Gäste und welche, die sich langweilten. Und noch mehr großes Gepränge, als zwei junge Menschen Kronen aufgesetzt erhielten, die schon vom verarbeiteten Material her schwer aussahen. Lächeln, und noch mehr Lächeln. Zerrupfte Seidentaschentücher. Count Decanters halb amüsierte, halb neckende Versuche, galant zu sein, und ein Kompliment, das an Frechheit kaum zu überbieten war. Ein Wirbel aus Farben und Tänzern und Geplauder...

      Sie stürmten den Gang entlang, Limsharn an seiner Seite, nachdem sie den Schacht hinunter geklettert waren, sein Trupp kurz dahinter. Noch mehr Leichen auf dem Weg dorthin, noch mehr Ahnung von grauenvollen Toden, die von ausgepressten Lippen nicht mehr dringen nach aussen dringen konnten. Kreldo noch immer im Kampf, aber strauchelnd, der Kampfdroide ausgeschaltet, Obyr im Rückzug. Dann endlich ein klarer Blick auf das, was vor ihnen stand:
      mehr als drei Meter hoch, ein Konstrukt aus waberndem verfaulendem Fleisch, an manchen Stellen nekrotisch, an anderen glänzend vor heraussiffender Nässe, von Resten der Durastahlwandplatten und dunklerem Metall durchzogen. Ein Koloss, der auf den ersten Blick nur nach einem aussah - dem leibhaftigen Tod, gepaart mit alles zerstörender Kampfeswut. Wie sollten sie so ein Ding bekämpfen? Dagegen gewinnen?

      Eiskalt griff die Angst nach Lienas' Herz, und ohne die Routine vieler Jahre und vieler ausweglos scheinender Situationen hätte ihre Blase nachgegeben. Ein Atemzug später, dann begann sie zu rennen, das Riesending zu umrunden. Zielmarker setzen, vielleicht konnten die Bordwaffen der 'Arch of Tears' etwas ausrichten. Laufen, laufen! Schneller sein als das Ding. Limsharn rannte ebenfalls, versuchte es mit einer Granate. Sie hörte Wheests Projektilwaffe bellen, einmal, zweimal, dreimal, während sich die anderen sich zurückzogen, die Angeschlagenen vom Kampfgebiet fortziehend. Nur ein Fehler, ein Fehltritt, dann wäre es vorbei. Kühle Luft, die vom internen System ihres Kampfanzugs in den Helm gepumpt wurde, ihr schneller gewordenes Atmen stützte. Die Meldung von Captain Stryder-Garrde, dass die Waffen abgefeuert worden waren.

      Raus hier, nur raus! An dem Ding vorbei, irgendwie, so schnell wie möglich, vielleicht konnten sie schneller rennen, warum zogen sich die anderen nicht schneller zurück? LAUFT ENDLICH, schrie sie innerlich, versuchte den Klauenhieben der verwachsenen Bestie auszuweichen, und auch Limsharn war endlich vorbei. Die Soldaten flüchteten, denn gegen etwas, gegen das kein Blaster half, konnte man nicht gewinnen. Knarzender Funk, zurück zum Aufzugsschacht, sie als Letzte, um sicher zu sein, dass niemand zurückblieb. Klauen schnitten durch die Wände wie durch Butter, dann durch Fleisch. Grellend roter Schmerz, der von ihrem rechten Oberschenkel aus hinauf in ihren Körper zuckte, eine Hand, die ihre packte...

      Hände berührten sich, eine elegante Tanzpose einnehmend, bevor Lienas van Arden und Count Valnir Decanter begannen, sich zum Takt entsprechend zu bewegen. Gekonnt führte der Adelige, dessen politische Ausrichtung ihn zum amüsierten Neutralen während der gesamten Veranstaltung machte, die imperiale Offizierin über die Tanzfläche, man konnte sehen und gesehen werden. Die Musik bildete mitsamt der Dekoration ein locker-luftiges Gesamtkonstrukt, die Selbstinszenierung der Häuser Andayen und Bahal verlief makellos.
      Vielleicht mit einigen giftigen Blicken weniger glücklicher Gäste in Richtung des strahlenden Paars begleitet, dazu reichlich mintgrün bekleideter Brautjungfernhintern in der direkten Sichtlinie, garniert mit den bissig-ironischen Kommentaren des Live-Tickers von ANN, das ihr ein eigenes Hashtag zugedacht hatte - ausgerechnet #SEXYLIEUTENANT! Hoffentlich würde ihr Vater das Ganze nie erfahren, das entsprechende Gespräch darüber konnte sie sich schon gut ausmalen. Schließlich nutzte sie die Gelegenheit einer Pause, um mit anderen Gästen zu sprechen, und wurde für den letzten Tanz des Abends - ausgerechnet ein langsamer Schmusesong - von Count Velchun aufgefordert, der sich viele Gedanken um die Zukunft der Heros-Provinz, seines Erbes, machte.

      Jener nördlichen Provinz, die vor Monaten noch unter Darth Arovals Kontrolle gestanden hatte und nun, nach dem Sieg der verbündeten Truppen über ihn, in ein mehrteiliges Protektorat aufgeteilt war, von dem ein Teil auch Haus Elentaar unterstand. Es würde vieles zu bereden geben, wenn sie von der Feier zurückkehrte - und noch mehr Möglichkeiten für die Zukunft. Count Velchun lächelte Lienas freundlich zu, gab seinem Wunsch nach einem erneuten Aufeinandertreffen Ausdruck, ihren Blick dabei suchend, der aus dunkelroten, brennenden Augen tief in ihre Seele eindrang und die Marter ihr Bein entlang hinauf bis ins Herz schießen ließ.
      Keuchend versuchte sie sich loszureißen, dem plötzlich klammernden Griff seiner Hände zu entkommen, die zu Klauen geworden waren, schwarzen, scharfen Klauen, die sich in ihre Seite gruben, das Fleisch aufrissen und das hervorquellende Blut mit einem höhnischen Lachen quittierten, ihren Schmerzensschrei mit alles überwältigender Düsternis erstickten. Lienas wand sichverzeifelt, versuchte dem Griff zu entkommen, ihre nachlassenden Kräfte im fließenden Blut verströmend, während sich der Blick des Monsters in ihren Kopf grub, hungrig, gierig nach neuer Lebensessenz, nach etwas, an dem es sich nähren konnte ...

      ... und Lienas van Arden erwachte, schweißgebadet, keuchend, die Decke so auf ihrem Körper aufgetürmt, dass der Druck auf ihrer Brust fühlbar war. Es dauerte lange, bis sich der rasende Atem Lienas' beruhigte, sie das kalte Licht neben ihrem Bett ausschalten konnte, um in der Dunkelheit ihres Raumes wieder viel zu viele Details aus ihrer Erinnerung zu sehen.
      Was auch immer auf dieser inzwischen zerstörten Raumstation gewesen war, sie wollte diesem Ding nicht noch einmal begegnen. Alleine schon zu ahnen, dass vielleicht nur die Materie, nicht aber der widerwärtige, zerfressene Geist darin zerstört war, ließ sie auch jetzt, in der sicheren Umgebung ihres Kasernenquartiers auf Dromund Kaas, vor innerer Kälte zittern. Dagegen waren die Monster auf Alderaan, die sich auf einer Hochzeit getummelt hatten, wirklich weitaus harmloserer Natur gewesen.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()


    • Der perfekte Moment - Teil 35: Damals und heute


      Ruhig schritt Admiral Rory van Arden die Brücke über den Kommandograben entlang und lauschte den leisen Geräuschen, welche die arbeitenden Besatzungsmitglieder verursachten. Leise Besprechungen bei den Astrogatoren, während die Leute an den Sicherheitskonsolen sich über den derzeitigen Wachplan austauschten. Vertraute Geräusche, wie an jedem Tag, nichts, das die Routine des Schiffs in irgendeiner Form unterbrochen hätte. Das Flaggschiff der 27. Flotte war ein Sinnbild imperialer Effizienz und Ordnung, wie es der Admiral schätzte - der Harrower "Confidence" war sein ganzer Stolz, und er bildete sich gerne ein, fast jede Schraube und jede Durastahlplatte des knapp achthundert Meter langen Großkampfschlachtschiffes zu kennen. Seiner ruhigen Haltung waren die vielen Gedanken, die seit Tagen, wenn nicht sogar Wochen in seinem Kopf kreisten, nicht anzusehen. Das gerade mal zwei Stunden zurückliegende Holocom-Gespräch mit seiner ältesten Tochter nagte mehr an ihm, als er es jemals zugegeben hatte. Vor allem, weil es kein Gespräch gewesen war, sondern ein recht unbeherrschtes gegenseitiges Anbrüllen.

      Während sich Rory van Arden in der spiegelnden Scheibe des Fensters auf der Kommandobrücke betrachtete, verloren sich seine Gedanken in der Vergangenheit. Als sein Gesicht noch keine Falten gehabt hatte und sein Körper noch straff und muskulös gewesen war. Auch damals hatte er nicht viel Zeit zuhause verbracht, die drei Kinder nur gesehen, wenn sein Schiff im Orbit gelegen hatte. Sie waren so schnell gewachsen, so schnell ihrer sorglosen Kindheit entwachsen, dass er oft das Gefühl gehabt hatte, bei jedem weiteren Landgang auf neue Menschen zu treffen.
      Dieses Gefühl war bei Lienas, seiner Ältesten, inzwischen mit aller Macht zurückgekehrt, auch wenn er sie inzwischen besser verstand. Nach all den Jahren ihrer stillen Rebellion gegen seinen Wunsch, sie in der imperialen Navy Karriere machen zu sehen, hatte er nach ihrer Versetzung zum Sturmregiment gehofft, sie wäre endlich zur Ruhe gekommen. Aber alle Berichte über sie deuteten anderes an. Vor allem die Krankenakten, die er sich mit schöner Regelmäßigkeit übermitteln ließ. Sie schonte sich nicht, und sie kämpfte direkt an der Front mit, wurde verletzt, gesundete, und tat es gleich wieder. Als wollte sie sterben, oder zumindest den Punkt ausreizen, an dem sie ihre Grenzen erkannte.

      Die Augen für einige Momente schließend, wandte Rory seinen Leuten den Rücken zu und legte die Hände auf Hüfthöhe ineinander. Am liebsten hätte er seine Tochter bei den Schultern gepackt und geschüttelt. Wenn er auch nur einen Moment lang hätte denken können, dass er damit einen Erfolg erzielen würde, hätte er es vermutlich sogar getan.
      Dass sie sich gegenseitig anbrüllten, war erst in den letzten Jahren überhaupt entstanden. Früher hatte es vor allem eisige Höflichkeit gegeben. Er glaubte noch immer, dass ihre Entscheidung, sich dem IGD anzuschließen, ein Fehler gewesen war. Aber sie hatte wider allen Erwartungen überlebt. Seine Tochter, die Älteste. Das erste Kind, dem er Windeln gewechselt, das er in den Schlaf gewiegt und dem er Plüsch-Schiffsmodelle geschenkt hatte, um sie möglichst früh für die Navy zu interessieren. Die nach einem Fläschchen auf seine Uniformschulter gekotzt hatte, zu ihm gerannt gekommen war, um ihm zu zeigen, wie gut sie mit dem Spielzeugblaster schießen konnte.
      Die Tochter, die anstelle eines aufstrebenden jungen Karriereoffiziers der Captain seines Flaggschiffs hätte werden sollen und ihre Zeit nun bei der Infanterie verschwendete. Seine einzige Tochter, das Kind, das von allen dreien die Eigenschaften seines Großvaters geerbt hatte, die aus ihr nicht nur einen guten, sondern einen herausragenden Kommandanten hätte machen können, die sich aber offensichtlich lieber im Feld zusammenschießen ließ anstelle endlich einzusehen, dass ihr Platz nicht dort sein konnte. Nicht mehr.

      Und die nicht verstehen wollte, wie machtlos er war, wenn es seinen ältesten Sohn anging. Ein imperialer Admiral konnte nicht einfach seine Flotte nehmen, in jetzt durch die Republik besetztes Gebiet fliegen und alles kurz und klein schießen, was den Schiffen vor die Geschütze kam. Es gab lang geplante Strategien, in denen seine Flotte an einem bestimmten Ort eine bestimmte Rolle einzunehmen hatte und von denen er nicht abweichen durfte, wenn er den geplanten Erfolg nicht gefährden wollte. Schon der Gedanke, dass Arric seinen eigenen Sohn noch nie gesehen hatte, erfüllte Rory van Arden mit düsterer Bitterkeit.
      Ein Stammhalter, der den Familiennamen an die nächste Generation weitergab, der durch Arrics Heirat sogar Landbesitz auf dem fruchtbaren Planeten Alderaan erben konnte - das war weit mehr als jemals gedacht. Es würde die seit Generationen im Navy-Dienst stehende Familie erweitern, ihr mehr Möglichkeiten geben, und das Vermächtnis seiner hart arbeitenden und strategisch denkenden Vorfahren auf eine Weise weiterführen, die auf eine lange Linie von van Ardens hoffen ließ. Ein kleines Stück Ewigkeit in Arrics Händen. Ein reizender Junge, der das helle Haar der van Ardens besaß und die Nase von Rorys Mutter.
      Natürlich hatte der Admiral seinem im Kampfeinsatz verschollenen Sohn nachforschen lassen, jeden Hebel bedient, der ihm geblieben war, jeden Informanten eingespannt, der ihm einen Gefallen schuldete und eine Chance hatte, an das benötigte Wissen zu gelangen.

      Dass es am Ende seine Tochter gewesen war, welche das entscheidende Puzzleteil liefern konnte, weil sie einen Kontakt auf Republikseite hatte, hatte ihn jedoch nicht überrascht. Sie war immer gut in ihrer Arbeit gewesen, egal wie sehr er diese Arbeit auch verabscheuen mochte.
      Ein Agent, der mit dreissig noch lebte, war für gewöhnlich kein schlechter Agent. Die Vorstellung, sein Sohn könnte in einer Blacksite des SID Folter oder noch Schlimmerem ausgesetzt sein, ließ den Admiral innerlich fast die Wände hochlaufen und gestaltete seit Monaten jede freie Minute zur bitteren Qual. Und doch blieben seine Hände gebunden. Er konnte nicht einmal auch nur ein Shuttle in das ehemalige Kampfgebiet schicken, durfte keinen Trupp seiner Marines entsenden, um auf dem Planeten, auf welchem Arrics Gefängnis vermutet wurde, einen Einsatz durchzuführen. Zu viel stand auf dem Spiel.
      Am liebsten hätte er die geballte Faust gegen die Scheibe geschlagen und gebrüllt, das Oberkommando verflucht, welches in die republikanische Admiralität einen Informanten geschleust hatte. Die Sith noch viel mehr verflucht, welche mit ihren Intrigen und Kriegslisten versuchten, die Republik aus der Reserve zu locken, einer Finte zu folgen, die in einen großen Sieg für das Imperium münden konnte. Eine Kriegslist, bei der sie sehr bedacht eine Flanke öffneten - nicht zu sehr, aber für einen geschickten Analysten irgendwann merklich - um den Feind anzulocken.

      Seine Flotte musste dafür in Stellung bleiben, in einem Hinterwäldlersystem im Outer Rim aufräumen, während andere Flotten sich bewegten. Eine verdammte Strategie, die mit vielen Wenns und Abers agierte, die Zeit brauchte, um sich zu entwickeln. Deren erste Erfolge hart erkämpft waren, und deren erste Niederlagen einen schmerzhaften, aber geplanten Blutzoll verlangt hatten. Dass sein Sohn Teil dieses Blutzolls sein musste, hatte Rory van Arden aber nicht geplant. Das konnte und wollte er auch nicht akzeptieren. Auf dem Scheideweg zwischen seiner Pflicht und der Liebe zu seinen Kindern konnte er nicht akzeptieren, dass es nur eine einzige Antwort geben durfte anstelle von zweien.
      Denn das hatte ihn seine älteste Tochter inzwischen gelehrt, bei all ihrer Rebellion, bei all den Dingen, über die sie mit ihm niemals sprechen würde und die im Lauf der Jahre den Ausdruck ihrer hellen Augen verändert hatten: Es gab immer mehr als nur eine Antwort, und wenn es einen Menschen gab, der sie finden würde, dann war sie es. Er durfte zwar seine eigene Flotte nicht bewegen, aber er konnte Türen öffnen. Nach ihrer Bitte, ihr einen befreundeten Admiral zu vermitteln, um auf irgendeinem unwichtigen Planeten Informationen per Sonde einholen zu lassen, hatte er lange überlegt.

      Es gab unter seinen Kollegen einige, die ohne Zögern zugestimmt hätten, weil ihnen der Name van Arden etwas galt. Dass er sich schließlich für jemanden entschieden hatte, der eine Gegenleistung verlangen würde, aber weitaus mehr möglich machen würde, wenn sie darüber hinaus Hilfe brauchen konnte. Admiral Lewyn Crest-Fellon war ein kluger Mann im passenden Alter, der eine Chance erkannte, wenn sie sich ihm bot.
      Es wurde Zeit, dass seine Tochter endlich in der Wirklichkeit ankam. Eine feste Beziehung aufbaute, selbst an Kinder dachte, dann heiratete. Offiziell schien sie mit niemandem zusammen zu sein, aber das Gemunkel auf dem Stützpunkt Fort Asha hatte er sich ebenso über einige Ecken hinterbringen lassen. Ein Captain der Infanterie wurde immer wieder genannt, zudem einer mit zweifelhaften Familienverhältnissen. Konnte das wirklich alles sein, was seine Tochter erwarten durfte?
      Was Lienas immer schon gebraucht hatte, waren Hindernisse. Je schroffer er sie abwies, desto wütender würde sie werden und schließlich handeln. Mochte sie ihn auch für alles hassen, was er gerade nicht für seinen Sohn tat, Rory van Arden kannte seine Tochter. Tief in ihrem Kern war sie jemand, der immer wieder aufstehen würde, wenn sie fiel, und mit mehr Kraft weitergehen, je mehr Hindernisse sie überwinden musste.

      So, wie sie über die Angelegenheit mit Arric sprach, hatte sie etwas geplant. Ihr Blick war seit beim letzten Gespräch sehr hart geworden. So hatte sie auch geblickt, als sie sich als Kind mit ihren neuen Augen neu zu orientieren lernen musste, die erweiterten Sinneseindrücke verarbeitet hatte, jeden Tag ein bisschen mehr. Und sie hatte es letztendlich geschafft, auch wenn sie ihn dafür gehasst hatte. Diese hellen, unerbittlichen Augen, die er so sehr für sie gewollt hatte.
      Manchmal musste ein Vater seinen Kindern nicht Helfer sein, sondern Hindernis, um sie wachsen zu sehen. Einige nahe und ferne Sterne betrachtend, rief sich Rory van Arden seine drei Kinder ins Gedächtnis, wie sie bei einem Ausflug in den Dschungel vor Kaas City im Matsch gespielt hatten. Unter vergnügtem Gelächter hatten sie aus riesigen Farnblättern Feldzelte gebaut und sich dann mit Matschklumpen erbitterte Schlachten geliefert, um das Farnzelt des jeweils anderen zu erobern. Am Ende war es schwer gewesen, die drei voneinander zu unterscheiden, weil sie von oben bis unten mit Dreck bedeckt gewesen waren.
      Der eisige Griff der Erinnerung um sein Herz ließ ihn innerlich erbeben. Wenn man doch nur die Zeit für einige Jahre zurückdrehen könnte. Jetzt blieben nur die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass er sich in seiner ältesten Tochter nicht täuschte. Vielleicht würde Arric eines Tages seinen Sohn im Dschungel vor Kaas City Farnzelte bauen sehen ...
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Csan ()


    • Der perfekte Moment - Teil 36: Mehr Lametta, mehr Sorgen


      Die Kabine war winzig und sie stank. Wie auch immer es dieser Geruch nach ungewaschenen Körpern, jahrealtem Schmutz und verschimmeltem Essen geschafft hatte, sich im Durastahl der Schiffswände festzusetzen, er war dermaßen hartnäckig, dass auch die altersschwache Klimaanlage nicht dagegen ankam.
      Dieser Geruch war Schuld daran, dass Lienas van Arden nicht schlafen konnte. Der neben ihr in eine Decke eingerollt liegende Mann schien sich daran weit weniger zu stören und schnarchte leise vor sich hin. Alles nur wegen der Tarnung. Ein Flug mit ihrer Phantom zu einer Relaisstation, von der aus sie einen Linienflug in den Huttenraum genommen hatten. Wechsel der Identitäten. Ein schneller Vorgang, zwei andere ID-Sticks. Schon waren aus Avanum Jiros und Lienas van Arden zwei Galaxistouristen geworden. Mr. und Mrs. Janossan, die Nar Shaddaa besuchen wollten. Einfache Leute mit einfachen Bedürfnissen und ein bisschen zu viel Geld.

      Der Huttenmond wimmelte von Leuten wie diesen, und sie würden in der Menge nicht auffallen. Eine gute Übung für ihren Schüler, und eine Erinnerung an alte Zeiten für Lienas. Dazu die absolute Notwendigkeit, dort an einige Waffen zu gelangen, die sie im imperialen Raum nur schwer erhalten würde, ohne Fragen aufzuwerfen. Nar Shaddaa fragte nur nach einer Sache: Nach Credits. Alles andere war nicht wichtig.
      Sie rollte sich auf die andere Seite und zog die Decke über ihre Ohren. Für ein paar Momente vermittelte ihr das einen vagen Anklang von Geborgenheit. Keine vollkommene Stille, aber doch wohlige Wärme. Doch auch wenn die Decke nicht stank, der restliche Raum tat es umso schlimmer. Ihre Gedanken kreisten, kehrten zurück zu dem Leben, das sie für einige Tage zurückgelassen hatte.

      Inzwischen nicht mehr Second Lieutenant, sondern First Lieutenant van Arden. Eine Beförderung nach einem Jahr Dienst im 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas', ausgeführt von Händen von Lord Tragos selbst. Ein flüchtiger Moment Stolz, einige weitaus mehr schmerzhafte Augenblicke Bitterkeit. Sie hatte in diesem einen Jahr so viel erlebt, so viel erlitten. So viele Schmerzen, Verletzungen, so vieles, das sie mit sich schleppte. Ehrliche Gratulationen, anerkennendes Nicken. Du hättest es sein sollen, der mir die neuen Rangabzeichen ansteckt. Ein schmales Lächeln. Eine stille, sehr private Feier. Die Zeit war einfach gleichermaßen zu kurz und doch auch zu lang gewesen.
      Und doch auch nichts, was sie daran hätte missen wollen. Jedes Lebewesen war die Summe seiner Erfahrungen, und unter ihren Erfahrungen waren viele gewesen, die sie weitaus mehr noch zu dem Menschen machten, der sie nun war. Ein Mensch, der hatte lernen müssen, wie man mit anderen über lange Zeit am selben Ort zusammenarbeitete und -lebte. Der Bindungen aufgebaut hatte, große und kleine. Der ein Teil von etwas war, nicht nur ein Detail unter vielen.

      Und nun würde sie all das aufs Spiel setzen müssen. Alles, was sie im Lauf ihrer gesamten Dienstzeit an Gefallen und Geld hatte anhäufen können, steckte in diesem einen Unternehmen. Wenn es gelang, dann würde sie von Neuem beginnen müssen, sich einen doppelten Boden zu schaffen. Wenn es nicht gelang, war sie Schuld am Tod guter Männer. Aber wenn es nicht gelang, würde sie selbst tot sein und dann wäre es nicht mehr von Bedeutung ... dennoch war dieser Gedanke kein Trost. Nichts an alledem konnte ein Trost sein.
      In all den Jahren war sie als Agent genau deswegen gut gewesen, weil sie so gut wie nichts zu verlieren gehabt hatte. Weil sie sich keine Gedanken um das Morgen gemacht hatte. Das war heute anders. Sie wusste, es würde eine Lücke für einige geben, wenn sie nicht zurückkehrte. Wenn sie es nicht schafften, Arric aus der Blacksite des SID zu befreien, würde sein Sohn ohne Vater aufwachen, seine Frau würde ihn vermutlich niemals wiedersehen. Es musste einfach gelingen. Wie lächerlich der Rest der Galaxis in diesem Moment doch schien.
      Die vielen Leben, die ihre Kriege führten, die von Leid und Blut und Schmerz berührt wurden, daran reiften oder zerbrachen. Für Lienas reduzierte sich das Ganze auf ihren Bruder. Nur ein einziges Leben unter so vielen. Hoffentlich würden sie noch rechtzeitig kommen. Bevor er zerbrechen würde. Bis ins Innerste versehrt, irreparabel verletzt. Sie durfte nicht an das Mögliche denken, das wusste sie. Doch trotz aller Konzentration auf das Jetzt schweiften ihre Gedanken immer wieder zum Vielleicht. Zu Arrics Vielleicht.

      Private Wheest war gereift. Vielleicht sogar zerbrochen. Es gab einen riesigen Unterschied zwischen der jungen Frau, die vor wenigen Wochen zu einem Spezialeinsatz abkommandiert worden war, und jener, die ein Stoßtrupp des Regiments auf einem Kriegsplaneten gerettet hatte. Nach tagelangen Entbehrungen und Todesangst war ihr Blick hart und leer gewesen, zu Tode erschöpft war Theila Wheest mit den Kameraden in das Evac-Shuttle gestolpert.
      Kein Vergleich mehr mit der bockigen, trotzigen Person, die aus Langeweile oder Lust am Abenteuer gemeinsam mit einem Sklaven ein Swoopbike geklaut und dabei erwischt worden war. Die sie auf Anweisung von Sith Xzari, welcher der Sklave gehörte, mit dem Stock gezüchtigt hatte, wie es bei straffälligen Militärangehörigen nun einmal der Fall war. So ganz glaubte Lienas noch nicht an einen Wandel.
      Irgendwann ebbte jeder Schock ab und man kehrte zur Normalität zurück. Erst dann würde sich erweisen, ob die gelernte Lektion nachhaltig genug für Wheests rebellisches Wesen war. Mutig genug war sie, aber alles andere würde sie noch lernen müssen. Zumindest hatte sich Admiral Veidt, der angesichts eines katastrophalen Fehlschlags noch immer von einer erfolgreichen Mission sprach, das ganze Interesse des Lieutenants gesichert. Jeder hatte irgendwo Dreck am Stecken, und je höher der Rang, desto mehr Dreck. Es war eine Faustregel des IGD, und diese hatte sie immer bestätigt gefunden.

      In den letzten Wochen hatte es viele neue Gesichter im Regiment gegeben. PFC Kavan Syko, der ehemalige Kriminelle von einem Planeten, dessen Beschreibung so unangenehm klang wie der dort gesprochene Dialekt. Ein Mann mit einem starken Willen, aber doch auch einer Neigung zu unkonventionellen Lösungen und recht viel Hunger auf das andere Geschlecht. Wenn er in der Einheit wildern würde, war das ein Garant für künftigen Ärger. Aber auch Private Rondas Talvar hatte in dieser Richtung einiges an Problempotential. Mit mehr weiblichen Militärangehörigen in der Einheit gab es auch mehr Versuchungen für Soldaten mit entsprechenden Vorlieben.
      Seine ungewöhnliche Impftaktik hatte Lienas schnell misstrauisch gemacht. Immerhin hatte sie seit vielen Dienstjahren die Breitbandimmunisierung immer in den rechten Oberarm gespritzt bekommen. Den Hintern blankziehen und sich auf einer Krankenliege vorgebeugt bereit zu halten war da dann doch eher weniger eine Weiterentwicklung des Ganzen - Lienas war sich immer noch nicht sicher, ob sie den Sanitäter für seine Blödheit auslachen oder für seinen Schneid bewundern sollte. Vielleicht eine Mischung aus Beidem.
      Ob sich Talvar in der Woche Prüfung auf Herz und Nieren im Kaas City General Hospital beweisen würde? Ärzte mit jahrelanger Erfahrung würden ihn auf Eignung zur Weiterbildung als Mediziner prüfen - diese Chance hatte ihm Lienas verschafft. Für Talvar hoffte sie, dass in ihm mehr steckte als ein perverser Arschgrabscher.
      Und Specialist Gerett Obyr. Ein ehemaliger Angehöriger des Imperialen Bergungsdienstes, dessen Akte so unauffällig war und dessen Verhalten in kleinen Details dazu überhaupt nicht passte. Eine personalisierte Waffe. Das stetige Bestreben, sich unentbehrlich zu machen. Seine kybernetischen Implantate, der geschickte Umgang mit dem Fallschirm. Es stimmte etwas nicht mit ihm, aber noch beobachtete sie nur. Wachsames Misstrauen einem Mann gegenüber, der Geheimnisse mit sich herum schleppte. Die Art Misstrauen, die sie als Agentin hatte überleben lassen. Vielleicht wurde es Zeit, ihm die ein oder andere Herausforderung zu bieten.

      Worte. Viele Worte. Im Halbdunkel der stinkenden Kabine betrachtete sie den entspannten Körper ihres Schülers. Er schlief, als beschwerten ihn keinerlei Sorgen. Als gäbe es den Krieg nicht, die Sorgen um Arric, um das Regiment, um alles, was sie mit sich herum schleppte. Empfand sie Neid deswegen? Sie lauschte tief in sich und ließ die Frage unbeantwortet, sondern beobachtete die stillen Atemzüge Avanums aus halb geschlossenen Augen.
      Hatte sie das Recht, ihn zu bitten, sie auf diese Mission zu begleiten? Er hatte ungleich mehr Jahre vor sich als sie. Und vermutlich ruhigere Jahre, auch wenn er sich mit den verdeckten Taktiken beschäftigte. Ein klassischer Agent, immer auf dem Sprung, würde er nie sein. Dafür lagen seine Talente viel zu sehr darin, ein Teil eines Ganzen zu sein.
      Sein Charme würde ihm immer dabei helfen, Verbindungen zu knüpfen, seine Lebenslust ihm sicherlich mehr als eine Eroberung gestatten, die sich als hilfreich erweisen konnte. Sie lächelte schief und drehte sich auf den Rücken. Eigentlich hätte sie auf ihren begabten Schüler vor allem stolz sein sollen, doch heute fühlte sie nur Wehmut. Einer mehr, für den sie einen Brief schreiben musste, den er vielleicht nie erhalten würde.

      Ob Colonel Sordan ein weiteres Mal ihre Briefe aufbewahren würde? Dieses Mal ging sie nicht davon aus, so leicht davon zu kommen wir bei anderen Einsätzen. Vielleicht wäre es ein letzter, faszinierender Kampf an der Seite ihrer Gefährten. Es würde ein guter Kampf werden. Zu schade nur, dass die Zurückbleibenden vermutlich nie davon hören würden, was wirklich geschehen war. Dafür mussten die Briefe ausreichen. Vielleicht würde sie ihr Versprechen, Captain Stryder-Garrde beim Versuch zu helfen, seine Tochter zu befreien, nie halten können. Aber sie konnte es weitergeben, an jemanden, der ihm an ihrer Statt helfen würde. So viel war ihr Vater ihm schuldig.
      Amon Stryder-Garrde hatte nie viele Fragen gestellt. Vielleicht war es auch wegen ihres Blicks nicht nötig gewesen. Es ging um ihren Bruder, ihr Fleisch und Blut. Ebenso, wie es um Stryder-Garrdes Fleisch und Blut ging.
      Ein Eifer, der tiefer reichte als jeder Schwur, den sie jemals ihren Dienstherren hatten schwören müssen. Auf manche Fragen konnte es eben immer nur eine einzige Antwort geben.
      Viele Momente, in denen sich die beiden so verschiedenen Offiziere fast blind verstanden. Ob es an der gleichen Ausbildung lag? Aber hier war es Lienas, die keine Fragen stellte, sondern einfach hinnahm. Ein ganzes Jahr und viele einzelne Momente hatten den stoischen Offizier und seinen XO zusammengeschmiedet. Es würde kein leichter Brief werden, so viel stand fest. Vermutlich konnte es für das, was sie schreiben wollte, überhaupt keine richtigen Worte geben.

      Wieder rollte sie sich auf dem Bett herum und wünschte sich in den Kaaser Dschungel zurück. In ein einfaches Zelt mit einer Kühleinheit, die ihre Energie illegal von einem imperialen Wachzaun bezog. Kleine, wunderbare Beweise zivilien Ungehorsams. Stille Wasser sind tief und schmutzig. Sie mochte die Art Tiefe, die zu diesem verborgen stehenden Zelt geführt hatte, und ebenso den Gedanken, dass sie einer der wenigen Menschen war, die diese Tiefe kannten. Ein kleiner Fluchtpunkt vor dem Alltag, gehegt und gepflegt wie eine kostbare Pflanze.
      Fast hätte sie bei der Erinnerung gelacht.
      Wer mit Carsson Thrace zu tun hatte, sah meistens doch nur den pflichtbewussten, arbeitsamen Offizier. Nicht den Mann, der sich an jeder Ecke, an der er stationiert war, kleine Inseln der Rebellion errichtet hatte, um sich ein wenig Freiraum zu verschaffen. Dass er das Wissen um diese Orte mit ihr teilte, nahm sie mit einem Lächeln an. Und Dankbarkeit, die sie nur selten wirklich zeigen konnte. Das würde sie verbessern müssen. Sie musste noch so vieles tun, so vieles zeigen, so vieles leben. Es durfte mit dem Angriff auf die Blacksite einfach noch nicht beendet sein.
      Dieses Mal wollte sie leben. Zurückkehren. Wollte den Erfolg unbedingt, nicht nur für sich alleine. Dieses Mal war es anders als die vielen Male zuvor. Die geballte Faust an die Brust pressend, zog sie die Beine an ihren Körper und formulierte stumm die Worte, die sie in einem weiteren Brief schreiben würde. Der längste vermutlich, aber es würden nie genug Worte sein können. So viele Briefe. Es waren mehr geworden innerhalb dieses Jahres. Ein großer Teil von ihr empfand das als gute Entwicklung.

      Ein leises Piepsen von der Com-Konsole der Kabine machte Lienas darauf aufmerksam, dass der Landeanflug auf Nar Shaddaa begonnen hatte. Zeit, in die Realität zurückzukehren. Avanum aufzuwecken - nein, noch nicht. Er sollte ruhig den Schlaf auskosten, den er brauchte. Sie würden noch genug Aufmerksamkeit und Kraft brauchen, um den Waffendeal mit Blex' Bruder durchzuziehen.
      Ein goldenes Versprechen - sie würde sehen müssen, wieviel der Waffenschieber von seiner Seite aus einhalten würde. Wie vertrauenswürdig der Bruder eines Mannes war, an dessen Seite sie genug Blut vergossen hatte. Aus welchem Holz war wohl Cortes Blex, der Deserteuer, geschnitzt? Nar Shaddaa erwischte letztendlich doch jeden, der nicht gut auf sich Acht gab ...
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()



    • Der perfekte Moment - Teil 37: Zwei Pillen in einer Hand

      First Lieutenant Lienas van Arden blickte auf ihre Handfläche hinunter. Zwei kleine Pillen, Schlafbringer für mehrere Stunden. Sie würden nicht nur die Schnarchgeräusche der Kameraden auf dem Flug zum Transfer auf Nar Shaddaa übertönen, sondern auch die vielen bohrenden Fragen im Inneren verstummen lassen. Sie hatte sich zum Schlafen zurückgezogen, eines der Betten im Mannschaftsraum des Shuttles bezogen. Irgendwer schlief schon, aber in der dämmerigen Beleuchtung konnte sie nicht ermessen, wer es war. Einer der insgesamt sechs Kameraden würde es schon sein, die sie für ihre Befreiungsaktion

      angeworben hatte.
      Wobei es nicht ganz stimmte - eigentlich hatte ihr Kernteam nur aus fünf Personen bestanden: Master Sergeant Calvin Blex. Staff Sergeant Reynold Limsharn. Ihr Cousin und Corporal Erenc van Arden, der Sohn ihres Onkels väterlicherseits. Private First Class Avanum Jiros. Und der mandalorianische Krieger Aaray Dha'Beviin, von dessen Können sie sich bei ihren aus eigener Tasche bezahlten Trainingsstunden hatte überzeugen können. Den sechsten Mann in der Gruppe hatte sie gar nicht dabei haben wollen - Captain Carsson Thrace.

      Nicht nur, weil sie genau wusste, wieviele Vorbehalte er gegen die Aktion gehabt hatte. Auch, weil es eine sehr harte Mission werden würde. Man stürmte nicht einfach in eine SID-Blacksite und verabredete sich mit dem dortigen Personal zum Caftrinken.
      Nein, dort würde es zur Sache gehen. Auf eine Weise, bei der sie insgeheim befürchten musste, ihre sonstige kühle Ruhe zu verlieren, wenn es an einen Einsatz ging. Aber Carsson Thrace hatte sich auf seine ruhige, unaufgeregte Art in das Team hineinargumentiert, jedes ihrer Worte im Keim erstickt. Wieder einmal hatte er gezeigt, dass er sein Ziel auch gegen Widerstände erreichen konnte, wenn es ihm die Sache wert war - auch wenn die Sache bedeutete, dass man sein Leben auf einem lebensfeindlichen, gefährlichen Planeten am Arsch der Galaxis aufs Spiel setzte. Carsson Thrace war Infanterist mit reichlich Verwaltungskenntnissen, kein Agent, kein Orbitallander wie Erenc oder Limsharn, keine Kampfsau wie Blex oder Aaray.
      Und vor allem ahnte er nichts von dem, wozu der SID fähig war. Lienas wusste aus eigener Erfahrung, was der IGD während der vielen Jahre des Waffenstillstandes mit gefangenen Feinden getan hatte. Die Gegenseite war ebenso wenig zimperlich, wenn es um Informationen ging. SID und IGD gaben sich nicht viel, und gerade diese Wahrheiten hätte sie gerne von ihm ferngehalten. Den anderen musste sie diese antun, weil es ohne sie nicht gelingen würde, auch nur in Arrics Nähe zu kommen.

      Ihr ungutes Gefühl wollte nicht weichen, und deswegen hatte sie vor dem Aufbruch Dr. Torres den Bären von ihrer Schlaflosigkeit aufgebunden, die sie im Urlaub auf Raumflügen befiel. Erstaunlich, wie verständnisvoll die ansonsten als eher hart und schwierig beschriebene Ärztin ihrem Wunsch nachgekommen war, aber vermutlich lag es am Lametta.
      Dem stellvertretenden Kommandanten sprang man bei einer solchen Anfrage nach einem Karriereschub eben eher bei als Private Arsch, der rangtechnisch viele Stufen unterhalb einer Fachärztin rangierte. Oder war sie zu misstrauisch? Derzeit wollte und konnte Lienas nicht mehr über allzu viel mehr nachdenken als die bevorstehende Mission. Den irregulären Auftrag, der sie und ihr Team in die Höhle des Rancors führen würde. Es hatte ihre Gedanken dermaßen ausgefüllt, dass ihr alles andere fremd geworden war.
      Das gemütliche Beisammensitzen in der Cantina. Die alltäglichen Sorgen ihrer Untergebenen. Das Geschwätz in der Kaserne, selbst jene Tage, an denen der Regen auf Kaas nur ein leichtes Nieseln war und man es fast als gutes Wetter bezeichnen konnte. In den letzten Wochen war sie mit dem Gedanken an Arric aufgestanden und mit dem Gedanken an Arric schlafen gegangen. Es hatte eine Mauer zwischen sie und alle anderen geschoben, und es war wie eine Erleichterung, endlich aufbrechen zu können. Aus dem Plan Realität machen. Sie schluckte die beiden Pillen mit einem Schluck kaltem Wasser aus ihrer Feldflasche herunter und zog die Decke bis unters Kinn, an die niedrige Decke über ihrem durchgelegenen Bett starrend.

      "Was ist es denn diesmal?" Der Schreibtisch von Colonel Keith Sordan war riesig. Ungelogen mindestens doppelt so groß wie jener des 1st Lieutenants in ihrem Büro in der Kaserne Aurek-12 am neuen Standort in Kaas City. Der Colonel schien sich in den paar Monaten, nachdem das Sturmregiment wieder nach Dromund Kaas abkommandiert worden war, nicht verändert zu haben. Immernoch wirkte seine Miene so unbewegt wie Durastahl, mit vereinzelt erscheinenden Lachfältchen, wenn er sich wieder im Stillen über irgend etwas amüsierte. Das Déjà-Vue der Zeit in Fort Asha war für einige Momente lang überdeutlich, kaum zu ertragen. Seltsamerweise hatten sie immer gewusst, was sie am anderen hatten. Was der andere war.
      "Eine private Sache," sagte Lienas nach einem kurzen Zögern und reichte dem Colonel ihre Briefe über den Tisch an. Persönlich verfasste Nachrichten auf Holodiscs, dazu Flimsibriefe.
      "Klingt, als wären Ihre privaten Sachen neuerdings gefährlicher als die dienstlichen." Sie schmunzelte freudlos und schüttelte den Kopf. "Nur diese eine Sache, Sir. Sie ist wichtig. Und es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir uns heute das letzte Mal sehen."

      "Sie hatten mir noch etwas bezüglich des Tanztees versprochen, Lieutenant," erinnerte sie der Colonel mit einem vagen Schmunzeln. Er war weit ruhiger als die Offizierin, weit gelassener, als sie sich seit Wochen hatte fühlen können. Aber es war für ihn auch nicht das erste Mal, dass er einem Soldaten ins Gesicht blickte, bei dem er nicht davon ausgehen konnte, dass er überlebte. Vielleicht musste man einer solchen Erkenntnis irgendwann mit einem Lächeln begegnen. Und viel Gelassenheit.
      "Sir, wenn wir zurückkommen und alles so verläuft, wie es geplant war, tanze ich meinetwegen die nächsten zwei Jahre lang mit Ihnen!" Sordan begann zu lachen.
      "Dann werden wir nie die Gelegenheit haben, Lieutenant, denn kein Schlachtplan überlebt den ersten Kontakt ..." - "... mit dem Feind, ich weiss, Sir. Ich meinte damit: Wenn wir unser Ziel erreichen. Egal auf welchem Weg." Seine Gestalt straffend, erhob sich der Colonel und trat an die Seite des Raumes, wo eine blankpolierte Kommode aus sehr dunklem, fast schwarzem Holz stand. Er öffnete die Türen und nahm eine Whiskyflasche und zwei Tumblergläser heraus, in die er jeweils zwei Finger hoch der goldbraunen Flüssigkeit einschenkte. Früher hatte der Whisky noch im Schreibtisch des Colonels seinen Platz gefunden, heute hatte er dafür ein extra Möbelstück.

      Mit der Versetzung zur Logistikabteilung des Kriegsministeriums war er definitiv einige Stufen der Bequemlichkeit hinauf gefallen, auch wenn Lienas mit ihm nicht hätte tauschen wollen. Militärischer Verbindungsoffizier zu einem Haufen Schreibtischtäter zu sein stellte sie sich vor wie eine kleine Vorstufe zur ultimativen Hölle. Schweigend tranken die beiden Offiziere ihren Alkohol und schließlich nickte der weißbärtige Sordan.
      "Viel Erfolg, van Arden. Glück wünsche ich Ihnen nicht, denn auf Glück verlassen sich nur die Erfolglosen. Kommen Sie gesund zurück - und alle anderen auch." Sie zuckte leicht zusammen, denn wie viele und wer beteiligt war, hatte sie ihm nicht verraten. Inzwischen kannte der Colonel sie vermutlich zu gut. Der Whisky war stark und neben dem rauchig-milden Nachgeschmack blieb die Gewissheit, dass ihre Briefe ihre Adressaten erreichen würden, wenn sie es selbst nicht erledigen konnte. Dann folgte Schweigen, ein weiteres Glas. Veteranen mussten manchmal nicht viel sprechen, um zu wissen, wovon die Rede war. Solche Situationen kannten beide zur Genüge.

      Lienas wälzte sich herum, während der Griff des Schlafs nach ihrem Bewusstsein schon spürbar war. Die Medikamente wirkten wie beschrieben. Dr. Torres hatte sich darin als zuverlässig und hilfreich erwiesen. Effizient. Sie schmunzelte freudlos. Wie vieles in ihrem Leben ließ sich auch dies auf dieses eine Wort reduzieren. Effizienz. Lienas selbst war lange Zeit darauf stolz gewesen, eine effiziente Waffe zu sein. In aller Gemütsruhe töten zu können war eine hart erarbeitete Gabe. Man musste sich von allem lösen, was einen beschwerte, was die Hand vielleicht zittern ließ. Private Wheest würde das noch erkennen müssen, wenn sie eines Tages über ihren Erzeuger triumphieren können wollte - aber sie stand schließlich auch erst am Anfang eines möglicherweise langen Weges.
      Dieses Mal wollte sich ihre sonstige Ruhe nicht einstellen. Arrics Befreiung berührte sie innerlich, griff mit harter Hand nach ihrem Herzen und wollte sie nicht aus diesem permanenten Druck entlassen.
      Dir möchte ich nicht im Weg stehen, wenn Du wütend bist. Wieder ein Zucken der Mundwinkel. Wann hatte sie das letzte Mal ihrem Zorn freien Lauf gelassen? Es war lange her. Und wenn, tat sie es stets alleine. Eine aus Zorn geborene Handlung konnte einen innerhalb weniger Sekunden verdammen - spätestens dann, wenn es irgendwer beobachtete. Die Schwäche erkannte. Das hier war Stärke und Schwäche zugleich. Sieben Mann wussten von ihrer Hingabe an ihren Bruder, an das Bisschen Familie, das sie ihr eigen nennen durfte. Eines der Bänder, welche die Freiheitsliebende immer halten würde.

      Aaray Dha'Beviin wurde Vater. Er hatte es ihr im strömenden Kaaser Regen erzählt, von der Herausforderung und Verantwortung gesprochen, die nun vor ihm lag. Die Rolle der Väter war in der mandalorianischen Kultur sehr wichtig, und es würde interessant sein zu beobachten, wie er und seine Frau sich als Eltern schlagen würden. Sie freute sich für ihn, vermutlich mehr, als sie es zeigen konnte. Ein neues Leben war wie ein Versprechen an die Zukunft, dass man Dinge besser machen wollte, besser machen konnte als in der Vergangenheit. Es bedeutete auch, dass alle Pläne, sich einer der tobenden Fronten anzuschließen, um dort Kriegsruhm für seinen Clan zu erringen, vorerst hinfällig waren, auch wenn er dies nicht direkt angesprochen hatte.
      Durfte sie einen Mann, der eine solche Zukunft vor sich hatte, auf den eine Frau mitsamt seinem werdenden Kind wartete, überhaupt auf solch eine Mission mitnehmen? Was, wenn er nicht zurückkehrte?
      Lienas presste die Lippen aufeinander. Es war eine Entscheidung, die sich für einen Offizier immer und immer wieder stellte. Wen nahm man zu einem Einsatz mit, wen sah man vielleicht nie wieder? Sie hatte Aaray gegenüber keinen dieser Gedanken geäußert, wohl wissend, dass ihn das vermutlich beleidigen würde. Er hatte sich bereit erklärt, mitzukommen, und wenn ein Mando'ad ein solches Versprechen gab, war es so viel wert wie mandalorianisches Eisen. Und sie konnten auf ihn zudem nicht verzichten. Ganz gleich, was es vielleicht kostete. Aaray war ihr Notfallplan, falls alles schief zu gehen drohte.

      "Kommst Du wieder?" Elira ließ den kleinen Olvan auf ihren Armen auf und ab wippen. Der fast einjährige Säugling griff begeistert nach dem dunklen, welligen Haar seiner Mutter und vergrub die dicken Fingerchen darin. Er hatte noch kein Gefühl dafür, dass er seiner Mutter dabei ziemlich am Haar zerrte, war ganz versonnen dabei, die Länge und Festigkeit der Strähnen zu erkunden.
      "Ich versuch's." Lienas saß neben ihrer Schwägerin auf der Couch, ein bequemes, weiches Kissen mit aufgestickten Falkensymbolen darauf im Rücken. Alles an Eliras Wohnung war nahezu perfekt, wie aus einer feudalen Wohnzeitschrift entsprungen. Es fiel der jungen alderaanischen Adelstochter so leicht, alles um sich herum schön und angenehm zu machen, sodass sich Lienas einmal mehr wie ein Störfaktor vorkam. Es fühlte sich an, als würde sie allein schon durch ihre Gegenwart die seidigen Kissen mit Blut beflecken, mit schmutzigen Stiefeln über den weichen hellgrauen Teppichboden schreiten, auf dem auch nach einem Jahr noch kein einziger Fleck zu entdecken war.
      Ein Zuhause, in das noch eine weitere Person gehörte - und die war nicht Lienas. Sie nahm ihren kleinen Neffen auf den Arm, damit ihre Schwägerin aufstehen konnte und ließ ihn halb über ihre Schulter klettern. Begeistert glucksend griff Olvan an Lienas' Rangabzeichen und versuchte, diese vom Kragen der Uniformjacke abzupulen.

      "Wenn Du auch noch fort bleibst, dann habe ich niemanden mehr," sagte Elira leise und stellte eine verschlossene Plastbox auf den Wohnzimmertisch. Durch den durchsichtigen Deckel konnte man die Umrisse verschiedener süßer Leckereien entdecken, vermutlich Kekse. "Das ist nicht wahr, und das weisst Du. Du hast Deine Eltern. Deine Geschwister. Meine Eltern - und es bleibt noch Loran. Du bist nicht alleine, Elira. Ich habe dafür vorgesorgt .."
      "Das hat mir Arric auch gesagt. Um Geld geht es mir nicht! Darum ist es mir nie gegangen!" brach es weitaus heftiger aus der jungen Frau hervor. Mit brennenden Augen starrte sie der Offizierin entgegen, die ihren Blick stumm erwiderte. Lienas hätte so vieles sagen können in diesem Moment. Elira erklären, wo sich Arric befand. Wer alles sein Leben für einen Unbekannten aufs Spiel setzte, ohne auch nur irgendeine Bezahlung oder Gegenleistung zu erwarten. Einfach nur, weil sie darum gebeten hatte. Wie viel Angst sie selbst davor hatte, es dieses Mal nicht zu schaffen und ihren Bruder damit zum Tode zu verurteilen. Aber sie konnte nichts davon über die Lippen bringen. Eliras Verzweiflung und Einsamkeit erstickten jedes Wort. Denn sie konnte nur abwarten und hoffen.
      "Ich bringe ihn Dir nach Hause, Elira. Das habe ich Olvan versprochen." Damit küsste sie ihren Neffen sanft auf die Stirn und überreichte ihn wieder seiner Mutter, bevor er das Rangabzeichen eines First Lieutenants der imperialen Armee endgültig von Lienas' Kragen abmontiert hatte. Mit der Plastibox in einer Hand verließ sie eine Stunde später das Wohnhochhaus wieder. Kekse, wie vermutet. Sie würde sie für einen passenden Moment aufheben. Und wieder Regen. Er würde auch noch fallen, wenn sie nicht zurückkehrte.

      Bilder wechselten sich vor ihrem inneren Auge ab, wie stets, wenn sie dabei war, endgültig in den Schlaf zu sinken. Gesichter, eines nach dem anderen. Besorgt - das von Carsson Thrace. Mit einem stillen Beiklang von Empörung darüber, dass er erst eingeweiht worden war, als der Schlachtplan schon stand. Vorfreudig, gemischt mit einem Hauch Unsicherheit - Avanum Jiros. Ein Einsatz, der seine Kenntnisse wie auch seinen Willen auf eine harte Probe stellen würde. Erenc, lächelnd. Ihr charmanter und zumeist gut gelaunter Cousin, wie er sich unter den Soldaten seinen Namen machte. Er würde vermutlich bald als der 'nette van Arden' gehandelt werden, aber das war gut so. Offiziere mussten nicht nett sein, sondern effizient.
      Wieder dieses Wort. Ein ernstes Gesicht - Amon Stryder-Garrde, der am liebsten selbst mitgekommen wäre, der ihren Plan von Beginn an unterstützt hatte. Ohne ihn wäre vieles nicht möglich gewesen, und dennoch gefiel ihm die Rolle des abwartenden Beobachters nicht. Der ihr keinen Befehl, wohl aber eine dringende Bitte mit auf den Weg gab.
      Skepsis - Private First Class Kavan Syko, dem sie in Aussicht gestellt hatte, ihm beim Abtrainieren seiner Höhenangst zu helfen. Wie ein wildes Tier, das sich nicht zähmen lassen wollte, weil es schon genug Tritte erhalten hatte. Vielleicht war er ungezähmt ein besserer Soldat, dessen war sie sich noch nicht sicher. Ob sie die Gelegenheit erhalten würde, mit ihm zu trainieren? Private Oleanna Belsaviko, mit einem weichen, erfreuten Lächeln, als Lienas ihr gesagt hatte, sie würde die Dinge kosten, die sie kochen wollte. So einfach zu erfreuen ... es wurde dunkler um Lienas' Bewusstsein, dann verstummte auch das Schnarchen im Raum. Für einige Stunden Aufschub von den Gedanken. Einige Stunden näher an Carvit II, jener Dschungelwelt, auf dem die SID-Blacksite lag. Einige Stunden näher an der Wahrheit.
      Arric, ich bin bald da. Bleib am Leben...
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()



    • Der perfekte Moment - Teil 38: Vorabend des Krieges


      In langen Schlieren lief der Regen die raumhohen Fenster hinab und ließ das von draußen in den dunklen Raum hinein dringende Licht in tausende kleine Punkte zersplittern. Die Frau auf dem Bett an der dem Fenster gegenüberliegenden Wand hatte sich innerhalb der letzten drei Stunden kaum bewegt, nur ab und an ihre Haltung verändert, wenn es zu unbequem wurde, doch Schlaf wollte sich noch immer nicht einstellen. Gegenüber den Einsätzen der vergangenen Jahre war das, was sie im Augenblick als Kommendes erahnte, eine ganz andere Dimension.
      First Lieutenant Lienas van Arden schlief schlecht in den letzten Tagen, und sie wusste, dass es eigentlich keine gute Idee war, den vollen Dienst und mehrere Stunden täglich darüber hinaus zu leisten, während ihr immer mehr Schlaf fehlte. Noch ließ sich das Problem mit einer sehr großen Menge Caf irgendwie kompensieren. Das Warten zerrte an ihren Nerven. Sie war nicht nervös, aber der Gedanke an einen starken Feind, der sich so gar nicht einschätzen ließ und dem sie vermutlich allzu bald gegenüber stehen würde, schmeckte der Offizierin gar nicht. Bei einem bekannten Problem konnte man Pläne schmieden und sich zielgerichtet vorbereiten. Bei einem Feind, der sich nicht einschätzen ließ, blieben viel zu viele Variablen in der Rechnung.

      Seit die ersten Berichte über diesen neuen Feind eingetroffen waren, hatte sie geahnt, dass ihnen etwas bevorstand, das anders war als alle Begegnungen mit der Republik. Der erste Kampf gegen die Unbekannten mit ihren überaus effizienten Droiden war ein Vorgeschmack gewesen - dass es ihnen gelungen war, über Korriban herzufallen und die Überlegenheit der Sith mit schmerzhafter Wucht zu dezimieren, war eigentlich undenkbar. Und doch waren die Unbekannten über diese stolze, wütende Welt hergefallen und hatten allen Widerstand einfach weggefegt und eine tiefe Wunde in die Sith-Gesellschaft des Imperiums gerissen.
      Schwer vorstellbar, dass es jemanden geben sollte, dem es gelang, die Sith dermaßen zu demütigen - doch auch die Raumkämpfe um Korriban, bei der die imperiale Flotte ordentlich hatte einstecken müssen, waren verheerend gewesen. Dass die Soldaten des 17. Sturmregiments diese Kämpfe überlebt hatten, war vermutlich pures Glück gewesen, da sie auf dem Rückflug von einem Einsatz zum Schauplatz beordert worden und zu spät gekommen waren. Zu spät, um noch etwas zu ändern, aber nicht spät genug, dass ihnen der Anblick der zerstörten Schiffe und ein Kampf unterwegs erspart geblieben wäre.

      Die Monate zwischen diesem ersten Kontakt mit dem unbekannten Feind und dem Jetzt waren ohne größere Ereignisse verstrichen, doch Lienas hatte diese Kämpfe nie vergessen. Gerade weil es so anders gewesen war, neue Waffen, neue Droiden, und dieser gerüstete Machtanwender mit seiner seltsamen Lichtschwertlanze. Die geborgenen Daten aus den Helmkameras und das eine Gewehr, das sie einem Feind hatten abnehmen können, hatten sie zur Analyse an das Ministerium weitergereicht, aber dank Specialist Obyr besass Lienas eine eigene Kopie dieser Daten und hatte die Zeit genutzt, um die Aufzeichnungen wieder und wieder anzusehen. Inzwischen sah sie die einzelnen Kampfsequenzen schon auswendig ablaufen, wenn sie vor dem Einschlafen die Augen schloss.
      Der vorrückende Machtanwender, der Blex würgte. Die wie auf ein stummes Kommando hin gemeinsam operierenden und agierenden Droiden. Dann endlich das heulende Signal, welches das Zusammenbrechen des Kraftfelds im Hangar ankündigte. Die Droiden und der Gerüstete, wie sie hinausgesaugt wurden in die Ewigkeit des Alls, die letzte Rettung für die heillos unterlegenen Soldaten.

      Der Schlaf kam nicht. Die Soldaten der Einheit waren seit einiger Zeit unruhig, und es fiel Lienas immer schwerer, täglich die beherrschte Maske eines Offiziers aufzusetzen und Zuversicht, Kampfesmut und Stärke auszustrahlen, wie es zu ihrer Aufgabe gehörte.
      Ein Teil von ihr wäre am liebsten schon vor Monaten mit Sack und Pack an die Grenzen des Imperiums gezogen, um dort auf eigene Faust Informationen zu sammeln. Die Informationen nur aus zweiter Hand zu erhalten, wenn überhaupt, war für ihre innere Ungeduld unerträglich. Momentan schien es, als führe sie eine Parallelexistenz. Tagsüber funktionierte sie, erfüllte ihre Aufgaben, arbeitete den anfallenden Flimsikram ab, löste Probleme.
      Die Nacht aber gehörte ihren rastlosen Überlegungen und den immer drastischer werdenden, absolut illegalen Nachrichtenhäppchen, die ihr ihr Vater zukommen ließ. Er operierte mit seiner Flotte direkt an der neu entstandenen Front gegen die Unbekannten. Nachts hörte Lienas van Arden den Regen von Dromund Kaas, diesen ewigen Regen, mit dem sie aufgewachsen war und den sie früher einmal vermisst hatte.

      "Ich weiss nicht, ob ich mich nochmal melden kann. Wenn alles schiefgeht, dann kümmere Dich um Deine Mutter und Deine Brüder," hatte Admiral Rory van Arden gesagt. Das sonst so gepflegte Haar war zerrauft, unter den Augen lagen tiefe Ringe, er wirkte müde und ausgelaugt. Im Hintergrund des Holos waren Marineoffiziere umher geeilt, hatten Befehle gebrüllt, das Bild hatte sich immer wieder neu aufbauen müssen, weil die Verbindung so schlecht war. Sie waren dabei zu verlieren. Ihr Vater wusste es, Lienas wusste es, und der Captain ebenfalls. Allen anderen gegenüber durfte sie dieses Wissen nicht einmal andeuten, weil derlei als wehrkraftzersetzend galt und streng bestraft wurde.
      Gegen einen Gegner, über den man etwas wusste, konnte man kämpfen. Doch dieser Gegner war in all seiner Übermacht und kalten Effizienz wie ein Phantom, das überall dort war, wo man es nicht haben wollte. Dass dieser Gegner zudem stets mit einer absoluten Übermacht auftrat und allen Widerstand blutig beendete, ließ für die Zukunft nichts Gutes vermuten. Vermutlich würde sie die Anweisung ihres Vaters nicht ausführen können, weil sie ihn nur wenige Tage überlebte.

      Wenigstens schien Arric mit seiner Frau auf Alderaan in Sicherheit zu sein. Eine Sorge weniger, einer, der vielleicht überleben würde. Dass es ihnen gelungen war, ihn aus seiner Gefangenschaft beim SID zu retten, hatte für Lienas einen überaus bitteren Nachgeschmack.Trotz des Erfolges erinnerte sie sich nicht gerne an diese überaus illegale Aktion von vor einem Jahr, bei der sie alle wichtigen Kameraden begleitet hatten. Captain Stryder hatte zudem beide Augen zugedrückt und die Aktion geschehen lassen, egal welche Vorbehalte er dagegen gehabt hatte - und sie hatten es geschafft, hatten das SID-Nest nach schweren Kämpfen ausgehoben und ihren Bruder zurück nach Kaas gebracht.
      Dennoch ... die Erinnerung an seine Schreie blieb so präsent wie vor diesen mehr als zwölf Monaten, als der leitende Wissenschaftler in der Einrichtung Arrics Augen mit einer Zange aus ihren Höhlen gerissen hatte, weil er glaubte, dies könnte die Angreifer irgendwie aufhalten.

      Wäre es ihr eigener Körper gewesen, der schon mehr als einmal extreme Schmerzen hatte aushalten müssen, es wäre irgendwann von ihr abgeperlt wie der ewige Regen auf Dromund Kaas vom Kasernengebäude und den Fensterscheiben der Offiziersquartiere. Aber es ging um ihren Bruder, dem es nun niemals vergönnt sein würde, seinen Sohn aus eigenen Augen zu betrachten. Der mühsam hatte lernen müssen, mit seinen nagelneuen kybernetischen Implantaten zu sehen und dessen Karriere bei der imperialen Navy zu einem aprupten Ende gekommen war, da ihm nach einem Jahr in Gefangenschaft niemand mehr so recht traute.
      Vielleicht würde er auf Alderaan glücklicher, in seinem neuen Leben, bei Frau und Kind. Mit der Vormundschaft über Olvan hatte Lienas auch das Schwert zurückgegeben, welches Zeichen ihres Amtes gewesen war, ebenfalls das kleine Lehen. Nichts hielt sie mehr dort, alle Verbindungen bis auf jene des Blutes war gekappt. Und doch ertappte sie sich bisweilen dabei, dass sie die schroffen Gebirgszüge der Taar-Provinz vermisste, ebenso die klare, kalte Luft. Ein Brief mehr, bei dem Colonel Sordan seine Schwierigkeiten haben würde, ihn weiterzureichen, immerhin war Alderaan kein imperialer Planet. Falls Colonel Sordan das Kommende überleben würde.

      Lienas faltete die Finger ineinander und legte die Hände auf ihrem Bauch ab. Schweigend verfolgte sie mit dem Blick das unstete Lichtflackern an der Decke ihres Offiziersquartiers. Heute hatte sie keine Gesellschaft ertragen, musste mit ihren Gedanken alleine sein. EMP-Granaten mussten die Droiden stoppen, und dann blieb nur ein kleines Zeitfenster, bis sie sich regeneriert hatten. Gegen Machtanwender halfen nur andere Machtanwender oder konzentriertes Feuer von so vielen Soldaten wie möglich. Aber wie bekämpfte man eine absolute Übermacht?
      Für einen linientreuen Imperialen gab es nur eine Option, wenn man nicht siegen konnte: Kampf bis zum Tod. Aber wer starb, konnte nichts mehr ändern. Deswegen war für Lienas Flucht immer in Betracht gekommen, kombiniert mit dem Gedanken, dank mehr Informationen bei einer kommenden Auseinandersetzung den Sieg davonzutragen.
      Ein Heldentod war undenkbar. Man durfte nicht aufgeben, nicht wanken - aber wenn man weichen musste, dann mussten alle kommenden Anstrengungen dem künftigen Erfolg gehören. Nicht zuletzt weil sie so dachte, war Lienas eine erfolgreiche Agentin gewesen. Weil sie nicht lockerließ und den Erfolg mit allen Mitteln erreichen wollte. Es hatte sehr oft funktioniert.

      Seit dem dreizehnten Mal, in dem sie eine überlebensgefährliche Situation überlebt hatte, war ihr der Wert ihres Daseins deutlicher bewusst geworden. Auch dessen, dass sich vieles geändert hatte und sich noch immer änderte. Sie hatte irgendwann in den zweieinhalb Jahren, in denen sie nun schon im Sturmregiment diente, damit aufgehört, sich gänzlich hinter ihrer Position und Rolle als Offizier zu verbergen.
      Im Grunde hatte es vor Jahren begonnen, als sie sich ein einziges Mal entschlossen hatte, einen potentiellen Feind nicht zu töten, als sie die Gelegenheit gehabt hatte. Vielleicht waren es die Abende auf Jaguada gewesen, die Stunden an der Rauchersäule, die mit Gesprächen über die Galaxis und den Dienst vorüber gestrichen waren. Vielleicht die Tatsache, dass sie die Regeln und Kenntnisse ihrer Profession an jemanden weitergeben konnte, der sie begeistert und erfolgreich erlernte. Vielleicht, weil sie unverhofft Verständnis gefunden hatte, egal wie komplex und distanziert ihr Verhalten blieb. Irgendwann war sie keine einsame Insel im Meer der Probleme mehr gewesen, sondern hatte eine ganze Menge anderer Inseln entdeckt, die sie seltsamerweise einfach so akzeptierten, wie sie war. Nicht, wie sie sein sollte.

      Die schlichte, tödliche Waffe hatte sich verändert. Der Mensch Lienas war irgendwann hinter all den Masken hervorgetreten und verlangte nach einem Leben, das mehr war als ein ewiges Spiel, das ernsthafter war, mehr Substanz hatte als immer eine neue Rolle für einen neuen Auftrag und für den Weg zu immer neuen Toten.
      Sie kannte das Ziel der Reise nicht, und den Weg konnte sie nur einige Schritte voraussehen. Eigentlich hätte sie Angst haben müssen vor dem Kommenden. Vor Furcht beben, weil es ein Gegner war, der relativ große Chancen hatte, den Kampf zu gewinnen. Aber es passierte nichts dergleichen. Sie blieb auf ihrem Bett liegen, den Blick an die Decke gerichtet, und ließ die Zeit verstreichen, die sie eigentlich hätte im Schlaf verbringen sollen.
      Im diesem einen Augenblick hörte Lienas van Arden nur den Regen rauschen und wusste nicht, ob es nicht das letzte Mal sein würde. Denn sie würden kommen, nach Dromund Kaas. Vielleicht nicht morgen. Vielleicht auch noch nicht übermorgen. Aber bald. Dann würde alles anders sein.

      ---------------

      OOC-Information:
      Der Zeitsprung der Story hat den Hintergrund, dass die offizielle SWTOR-Storyline durch das neue Addon 'Knights of the Fallen Empire' einen Sprung fünf Jahre in die Zukunft macht und wir beim Rollenspiel versuchen, diese Zeit gerafft innerhalb etwa eines halben Jahres nachzuspielen, damit die Charaktere nicht vollkommen aus ihren Spielzusammenhängen gerissen werden. Deswegen werde ich künftig beim "Perfekten Moment" immer wieder Rückblenden nutzen, um Lücken zu füllen, hoffe aber, falls doch vieles offen bleibt, auf Verständnis. Sollten euch als Leser Dinge seltsam vorkommen, fühlt
      euch frei, danach zu fragen!
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()



    • Der perfekte Moment - Teil 39: Kollateralschäden
      Der Sand der ewigen Weiten von Saffar explodierte und entließ den mächtigen Körper des Sandwurms, der sich wie ein mächtiger Pfeil in die Höhe schraubte, sich dann in einer Drehung nach unten wand und sein riesiges Maul öffnete. Krachend schlugen die unzähligen Zähne des Monstrums sich in die Durastahlhülle von Shuttle Besh und zermalmten dieses innerhalb von Sekunden. Corporal Konders Schreie über den Funk brachen aprupt ab und über die hellen Sande hallte das abartige Knirschen zerbissenen Metalls. Wie winzige Ameisen rannten die verbliebenen Soldaten von Trupp Besh über den Sand, hin zu den rettenden Felsen. Hektisches Fauchen von Specialist Obyrs Blastergewehr spuckte Bolzen in die Richtung des Ungetüms, prallten nutzlos auf dessen dickem Schuppenkleid ab.
      "Wenn Shuttle Aurek helfen will, muss es sich beeilen!" Das Blastergewehr konnte den mächtigen Wurm nicht verletzen, aber machte ihn aufmerksam. Klappern, mit dem Corporal Syko eine Granate in seinen Granatwerfer lud. "Feuern nach eigenem Ermessen!" - "Rückstrahlzone freimachen!" Der riesige Leib schob sich über den Sand in Richtung der Gruppe, einstweilen noch vom in seine Richtung rennenden Kampfdroiden abgelenkt, der ebenfalls auf ihn feuerte und versuchte, ihn von den Soldaten wegzulocken. Mit einem Feuerstrahl schoss die Rakete auf den Wurm zu und schlug mit einem heftigen Krachen in dessen Körper ein. Auch eine Säuregranate, die der Droide in sein angriffslustig geöffnetes Maul geworfen hatte, ließ die Bestie durchdringend aufheulen. Dann bäumte sich der Wurm unter dem heftigen Feuer des am Himmel erschienenen anderen Shuttles auf, dessen Pilot sich für seinen Kameraden rächte...

      Lienas van Arden blinzelte und versuchte, die Bilder des Erkundungseinsatzes auf Saffar beiseite zu schieben. Sie hatte den Bericht längst geschrieben und an Lord Gale und die anderen Offiziere weitergeschickt, aber es fühlte sich nicht wie ein Erfolg an. Saffar war der erste Planet seit der langen Odyssee der 'Arch of Tears' in diesem unbekannten System, in dem sie gestrandet waren, der halbwegs bewohnbar schien. Sie hatten erfolgreich Proben nehmen können, hatten Wasser gefunden, Pflanzen und eine Menge Tiere, deren Fleisch mit etwas Glück vielleicht sogar genießbar war, ohne es erst mühsam von Giftstoffen reinigen zu müssen.
      Aber der Verlust des Shuttles und der Tod des Piloten warf einen Schatten über die ganze Unternehmung, der die Offizierin hatte schweigsam werden lassen. Sie hatte Konder gemocht. Nicht auf die Art zwischen Mann und Frau, sondern weil er sie mit seiner lockeren, lustigen Art an ihren Bruder Loran erinnerte. Loran, der bei der großangelegten Angriffswelle der Zakuul gegen die imperiale Flotte ums Leben gekommen war und dessen Verlust für sie auch Monate danach kaum zu ertragen war. Und jetzt hatte der Tod wieder jemanden aus ihrem Leben gerissen, der einfach nur nett gewesen war. Mit seinen Witzen Freude und eine entspannte Atmosphäre in all dem Druck zu schaffen imstande gewesen war. Keine Loopings mehr beim Anflug auf einen neuen Planeten. Die Dinge, die in irgendeiner Form erfreulich waren, hatten sich in den letzten Monaten nicht gehäuft. Wenigstens hatte die große Menge an Arbeit und kleinen Problemen, die sie beschäftigt gehalten hatten, diesen Umstand recht gut überdeckt.

      Dass die Vergangenheit sie einmal einholen würde, hatte Lienas van Arden immer gewusst. Wer in den Schatten gefährliche Aufträge erfüllte, um das Imperium ein wenig sicherer zu machen, machte sich Feinde. Als ihr die Narbe am Hinterkopf von Kavan Syko zum ersten Mal aufgefallen war, hatte sie es auf eine frühere Verletzung geschoben. Soldaten hatten immer Narben, wenn sie eine Weile an gefährlichen Orten gekämpft hatten. Vor allem Soldaten mit einer kriminellen Vergangenheit - dass Sykos Gangwissen einmal wichtig und notwendig sein würde, hatte sie nicht vermutet, als sie den Soldaten in die Einheit aufgenommen hatte.
      Aber damals war ohnehin vieles anders gewesen. Inzwischen waren sie Verlorene auf einem Schlachtschiff, das mangels Ersatzteilen noch immer nicht vollständig repariert war. Mussten mit jeder Ressource streng haushalten, jeden Soldaten genau im Auge behalten, ob dieser nicht zu einem Problem für die allgemeine Moral werden könnte. Also hatte sie auch bei Syko ein wenig genauer hingeschaut und etwas an der Form und Position dieser Narbe hatte sie stutzig werden lassen. Ein Gefühl, hätte sie gesagt, wenn man sie gefragt hätte. Gut trainierter Instinkt, der dafür gesorgt hatte, dass sie noch immer lebte. Und tatsächlich - als es ihr gelungen war, Sykos Hinterkopf zu scannen, ohne dass er davon Notiz hatte nehmen können, waren die Bilder eindeutig gewesen.

      Ein tief in seinem Gehirn verankerter Chip, übelste Geheimware, die der IGD zur Persönlichkeitskontrolle eingesetzt hatte. Normalerweise Chefsache, aber in Sykos Akte hatte es auch durch ihre früheren Kontakte dahingehend keine Hinweise gegeben. Dass er sich über das Ding in seinem Kopf bewusst war, hatten die Gespräche nach ihrem Fund erwiesen. Auch, dass sie keinerlei Sicherheiten hatten, was genau es bewirkte. Ob Syko ein massenmörderischer Irrer war, dessen Impulse dadurch kontrolliert wurden. Oder ob man ihn als Schläfer des SID in eine imperiale Einheit geschmuggelt hatte, um aus erster Hand Informationen zu gewinnen. Die Befehle des Captains waren eindeutig gewesen, als sie ihn über das neu aufgetauchte Sicherheitsrisiko aufklärte.
      In der jetztigen Situation trugen sie nicht nur die Verantwortung für ihre eigene Einheit, die durch die Kämpfe bei der Verteidigung von Dromund Kaas knapp tausendachthundert Mann verloren hatte. Auch die Mannschaft auf der 'Arch of Tears' und das Schiff selbst war nun ein Faktor, der mit einbezogen werden musste, ebenso der nicht gerade infanteriefreundliche Captain Bennings und allen voran Lord Gale, einer der Sith, die sich aus Kaas hatten retten können und der seitdem unerbittlich den Taktschlag für das Regiment vorgab. Line-Captain Idels war von diesem bereits getötet worden - und die Gefahr für jeden anderen Offizier, der Lord Gale nicht effizient genug erschien, überaus greifbar.

      Als der Chip nach einer längeren Operation, welche die CMO der 'Arch' mit der Hilfe der beiden Talvars durchgeführt hatte, endlich aus dem Kopf des bulligen Soldaten entfernt war, folgte unausweichlich auch ein Verhör, bei dem Lienas Corporal Syko die Gelegenheit gab, sich zu erklären. Enttäuschung war das falsche Wort für die Empfndung, die sie inzwischen mit diesem Mann verband, mit dem sie in der Vergangenheit trainiert, gelacht und gerne Zeit verbracht hatte. Dass er zugegeben hatte, in ihr die beste Chance gesehen zu haben, um den Chip loszuwerden und deswegen versucht, sie immer wieder subtil darauf hinzuweisen, hatte sie einmal mehr davon überzeugt, dass die meisten Personen ihre eigene Agenda verfolgten. Und sie wurde nicht gerne benutzt, egal von wem.
      Es mag vielleicht nicht so aussehen, aber ich bin auf Ihrer Seite, Sir.
      Dass dieser Chip von einem alten Feind in Sykos Kopf eingebaut worden war, machte die Sache nicht besser. Sein geheimer Auftrag ebenfalls nicht. Seitdem hatte sie sich von Kavan Syko fern gehalten, weil sie nicht mehr wusste, wie sie mit ihm sprechen sollte, ohne all diese Dinge direkt vor Augen zu haben. Vielleicht waren es inzwischen auch zu viele Wunden, die sie mitschleppte, sodass es Zeit brauchte, bis diese eine heilen würde.Wenn sie jemals aus diesem Quadranten wieder in heimatliche Gefilde fliegen konnten und das Imperium noch existierte, würde sie erst nach dem Tod von Ziffer 21 aufatmen können. Es endete einfach nicht.

      Ein anderes Gespräch mit einem anderen Menschen würde vielleicht helfen, diese Heilung zu beginnen. Seltsame Einigkeit über etwas, das normalerweise für sie ein überkompliziertes Thema war. Sie kannte die Zukunft nicht, und im Augenblick blieb auch nicht genug Zeit, allzu viel darüber nachzudenken, dass irgendwo eine Zukunft sein würde. Die Gegenwart wollte gelebt werden.
      Das einzige, was mir ... wichtig ist, ist Ehrlichkeit. Ohne das funktioniert es nicht.
      Und sie war voll von Herausforderungen. Dass Specialist Mhae Talvar nun schwanger war, hätte wirklich nicht sein müssen. Eine Frau mit einem Babybauch an Bord eines Kriegsschiffs, das auf Kleinkinder so gar nicht vorbereitet war. Wie das Ganze entstanden war, konnte man gerade bei zwei Medizinern auch nur im höchsten Maß verantwortungslos nennen.
      Seitdem hatte Lienas das dringende Gefühl, jedes Mal, wenn sie Private First Class Rondas Talvar irgendwo begegnete, ihm einen Tritt in seinen ewiggestrigen Hintern geben zu müssen. Einfach nur, um sich selbst ein bisschen besser zu fühlen. Laut Mhae Talvar vertrug diese keine östrogenhaltigen Verhütungsmittel und er wollte keine Alternativen nutzen, weil für ihn die natürliche Rolle der Frau in der imperialen Gesellschaft die einer Mutter war. Alles schön und gut, aber mitten im Krieg? Allein die Tatsache, dass sie mal wieder zu Captain Bennings gehen mussten, um ihm über den neuesten Rekruten Aufschluss zu geben, machte aus dem kleinen Malheur ein Politikum, welches die Zusammenarbeit auf Offiziersebene nicht erleichtern würde.

      Dann noch die Sache mit einer vermuteten sexuellen Belästigung - wobei Rondas Talvar derjenige sein sollte, der bei einer Routineuntersuchung das vermeintliche Opfer von Private Kalare Valaye gewesen sein sollte. Als ob es irgendjemanden auf diesem Schiff gab, dem es Freude machen würde, einen stocksteifen Handbuchauswendiglerner wie Talvar anzugraben. Dafür gab es immerhin den unausgesprochenen Ehrencodex unter Soldaten, sich nicht an Verheiratete heranzumachen. Eines dieser unangenehmen Gespräche hatte Lienas van Arden bereits hinter sich gebracht, bei dem auch Reynold Limsharn die Gelegenheit erhalten hatte, in den ganz normalen Wahnsinn des Alltags eines personalverantwortlichen Offiziers hineinzublicken.
      Tarisianisches Tunnelkraut. Das schien als Bezeichnung wirklich hervorragend zu passen - viel Lärm um Nichts. Eine Ehefrau, die sich wegen gewisser Bemerkungen Sorgen machte, harmlose Holoaufzeichnungen, Zeit, die man gut auch für anderes hätte nutzen können. Wieder einer dieser Momente, in denen sie am liebsten ihre Stirn auf der Tischkante blutig geschlagen und geschrien hätte. Irgendwie häuften sich Momente wie dieser in der letzten Zeit. Momente, in denen sie sich so fehl am Platz fühlte wie selten zuvor. Für so etwas hatte sie nicht zig Methoden gemeistert, Leute vom Leben in den Tod zu befördern oder stundenlang auszuharren, um einen perfekten Schuss auf eine Zielperson abzugeben. Auf so einen alltäglichen, engstirnigen Wahnsinn bereitete einen auch das Spezialtraining des IGD nicht wirklich vor.

      Lienas van Arden seufzte im Schutz ihres Helmes und trug den Verbindungsschlauch für den an einer der Reparaturstellen auf der Außenhülle der 'Arch of Tears' arbeitenden Techniker zu diesem. Mit einem lautlosen Klacken rasteten technische Teile ineinander, als sie diesen an den Generator einführte, während der Techniker mit einer simplen Daumen-Hoch-Geste seinen Dank aussprach. Der Lieutenant stieß sich sachte ab und bewegte sich die Aussenhülle des Schiffs weiter entlang, um sich der nächsten Aufgabe zu widmen, die für diese drei Stunden anstand.
      Das letzte Mal, dass sie bei den Arbeiten auf der Außenhülle geholfen hatte, war es eine Unterstützung für Corporal Konder bei dessen Strafarbeit wegen des Loopings im Anflug auf Tabit gewesen, gemeinsam mit PFC Cogadh O'Donnell war die Zeit schnell vorübergestrichen. Mit Scherzen und trockenen Sprüchen ging alles leichter.
      Ohne diese schien ihr das All noch ein bisschen leerer und trostloser als sonst. Vermutlich waren sie alle nur Kollateralschäden in irgendeinem großen Ganzen, dessen Sinn sich ihr nicht eröffnen wollte.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Csan ()


    • Der perfekte Moment - Teil 40: Nu kyr’adyc, shi taab’echaaj’la

      Die Luft der nächtlichen Wüste war klar und schneidend, von allen Rückständen befreit, die auf zivilisierteren oder entwickelteren Planeten vorhanden gewesen wären. Zwar filterten die Helme so gut wie alles heraus, aber wenn man diesen für einige Momente lang abnahm und tief einatmete, dann füllten sich die Lungen mit einer Frische, die Kal Itera schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Die Erinnerungen an ihr früheres Leben waren noch immer präsent, auch wenn die Resol'nare vorschrieb, dass man als Mandalorianer neu beginnen musste, konnte doch nichts all die Dinge aus ihrem Kopf brennen, die sie erlebt und durchlitten hatte.
      Das Wissen um eine Gemeinschaft, in der es keine Unterschiede gab, war jedoch neu und noch immer genoss sie es aus vollen Zügen. Eine Klinge unter vielen, ohne dass man in Frage gestellt wurde. Kämpfe, die wirklich forderten und von ihr ganzen Einsatz verlangten. Und vor allem keine Kommandozentrale mehr, sondern Blut und Schlacht und Tod, den sie anderen brachte, wenn sie es musste. Heute jedoch waren sie auf der Jagd nach einer Beute, die einzigartig war, eine Herausforderung, die man an anderen Orten nur schwerlich fand. Die Wüstenwürmer auf Saffar waren eine jener Erinnerungen gewesen, die auch in ihrem neuen Leben Interesse fanden.

      Nun waren sie hier, vertraute Farben, vertraute Farben. Vor allem vertraute Zeichnungen auf jedem buy'ce, die sie längst gelernt hatte zu lesen. Ihre eigenen Farben waren das für shereshoy stehende Orange, und das Gerechtigkeit symbolisierende Schwarz. Farben, die sich auf der Rüstung eines anderen wiederfanden, der sich dieser Jagd ebenso bereitwillig angeschlossen hatte wie eine Kämpferin, mit der sie mehrere Jahre gemeinsam gedient hatte. Lorsa Kreldo war kaum zu halten gewesen, als sie erfahren hatte, gegen welchen Gegner sie ausziehen wollte und hatte gleich ihre Tochter Ansela mitgebracht. Was Kal Itera früher mit einem leichten Schmunzeln oder einem Kopfschütteln abgetan hätte, konnte sie nun endlich zulassen zu verstehen: Der Wunsch, einer tödlichen Herausforderung entgegen zu treten oder aber besiegt zu werden, der immer wiederkehrende, ultimative Kampf.
      "Ein wilder Planet," sagte Aaray Dha'Beviin, dessen Stimme durch das Mikrophon seines buy'ce ein wenig verzerrt klang. "Das war er immer. Aber in dieser Wildheit liegen viele Möglichkeiten. Wenn man sich nicht nur durch den Sand abschrecken lässt," entgegnete Lorsa, die an Kals Seite getreten war und die Hand über den Visor schob, um vom klaren Mondlicht unbeirrt in die Ferne zu blicken.

      Es war der perfekte Ort, um zu warten, früher oder später kamen die Würmer hier vorbei. Ein Nadelör zwischen zwei großen Felsmassiven, das bis tief hinab reichte und mit Sand gefüllt war, nur um den Weg zu einem weiteren Wüstenabschnitt zu eröffnen. Da sich die Sandwürmer nur durch Sand bewegten, war ihre Auswahl an Wegen hier sehr begrenzt. Es war Kal gewesen, welche diese Falle vorgeschlagen hatte. Noch immer plante sie gerne, noch immer war sie vorsichtig, bevor die Lust am Kampf während des Tuns siegte.
      Kal kniete im Sand, eine Hand auf den Boden gelegt. Es gab sicherlich Technik, aber sie verließ sich ungerne darauf. Deswegen lag auch ihr buy'ce neben ihr im Sand und sie lauschte in die Dunkelheit. Die langen Monate auf Saffar, die immer wieder geführten Vorstöße in die Wüste, ihre ganze Zeit auf diesem lebensfeindlichen, wilden Planeten hatten ihr eine Erfahrung vermittelt, die ihr nun bei der Jagd zugute kam. Vor allem, wenn es gegen Wüstenwürmer ging, die Könige Saffars. Riesige, mächtige Leiber, die von Schuppen bedeckt waren und sogar Shuttles mit ihren mehrfachen Zahnreihen zerbeissen konnten - nichts, was ein einzelner mando'ad schaffen konnte. Eine Gruppe jedoch ...

      "Da kommt etwas," sagte Kal schlicht und sofort verstummten alle Gespräche, bevor sie sich erhob und den Helm überstülpte. Sofort bauten sich die Umgebungsbilder ihrer im buy'ce verbauten Sensorik für das HUD auf. Die Krieger mussten nicht an ihre Rollen im folgenden Kampf erinnert werden, alles war besprochen. Aarays Hand legte sich kurz auf Kals Schulter ab, klopfte einmal gegen die Rüstungsplatte, bevor er sich zu seiner Frau Seras gesellte, die für diese Jagd beider Tochter dem Clan anvertraut hatte. Manche Gelegenheit war einfach so gut, dass man sie sich nicht entgehen lassen konnte. Leises Klacken verriet, dass die anderen sich kampfbereit machten. Kein Feuer, keine Lampen, keine Fackeln verrieten, dass hier Jäger auf ihre Beute warteten, sie waren nur Schatten in einer mondhellen Nacht.
      Aaray und Seras bewegten sich leichtfüßig über den Sand und nahmen ihre entfernte Position ein, während Kal in die andere Richtung lief, Lorsa an ihrer Seite. Ansela blieb mit drei weiteren mando'ade aus dem Itera-Clan mittig zurück und lud in ihren Granatwerfer eine Granate ein. Die üblichen Waffen würden gegen den Sandwurm nur begrenzt helfen, sodass sie beschlossen hatten, den mächtigen Gegner gleich mit massivem Beschuss von Beginn an zu stoppen. Sobald die Bestie auch nur eine Chance haben würde, vor ihren Jägern zu fliehen, konnte alles passieren und das galt es zu verhindern.

      Kal rammte den Dorn ihres Klopfer-Gerätes in den Sand und aktivierte es. Ihr vod Adenn Itera hatte es für sie konstruiert, um einen Sandwurm anzulocken und jetzt konnte sie nur hoffen, dass es genau so funktionierte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Das dumpfe Pochen des Geräts dröhnte durch den Sand an der Oberfläche, während die beiden Frauen weiterrannten, um ihre Position zu erreichen.
      Der Boden begann zu schwanken, zuerst leicht, dann so heftig, dass Kal fast gestürzt wäre - nur ein beherzter Griff Lorsas nach ihrem Oberarm gab ihr genug Halt für die nächsten Schritte, der die Mandalorianerinnen weiter auf ihr Ziel zujagen ließ. Der Sand unter ihren Rüstungsstiefeln bäumte sich geradezu auf, wogte wie eine Welle empor, sodass Kal sich vorneigte und die Beine auseinander stellte, um wie auf Skiern den rasch anwachsenden Sandberg herabzuschliddern.
      "Kote darasuum!" hörte Kal Lorsas sich fast mit der Kampfeswut überschlagenden Stimme schreien, dann stob Sand in den nächtlichen Himmel und entließ in einer Explosion einen der größten Würmer, die sie je gesehen hatte. Das Monstrum musste mindestens dreissig Meter lang sein und hob sich drohend steil empor, den Schlund mit den abertausend Zähnen darin angriffslustig aufgerissen. Glücklicherweise bot ihr buy'ce dank der Sensorik auch einen Blick nach hinten, während sie halb rannten, halb schlidderten. Hätte sie sich beim Laufen umgedreht, wären sie einfach nicht schnell genug gewesen.

      Fauchend schoss Anselas Granate dem Sandwurm entgegen und die heftige Druckwelle, mit der das Geschoss auf dem gepanzerten Äußeren des Wurms explodierte, gab den beiden Frauen den letzten Schub hin zu jener Felserhebung, die für sie vorgesehen war. Beide drehten sich in gleicher Geschwindigkeit um, Lorsa ließ dem Wurm eine ihrer Miniraketen entgegenfliegen, während Kal sich das bereitliegende, schwere Blastergewehr gegen die Schulter klemmte und mit wenigen Hochenergiebolzen, die sie in den in den Schuppen klaffenden kleinen Granatenkrater entsandte, die Energiezelle leer schoss.
      Routiniert warf sie die Zelle beiseite, um eine weitere einzulegen, während neue Geschosse von der Position der vier mando'ade in der Mitte dem vor Schmerz und Wut brüllenden Sandwurm entgegen zogen. Nun hatte die Beste ausgemacht, wo ihre Hauptgegner sich befanden und wand sich über dem feinen Oberflächensand in die Richtung der gegen den Wurm winzig anmutenden Humanoiden in ihren Kampfrüstungen.
      Für genau diesen Moment hatten sie dank Kals Plan vorgesorgt: eine Feuerspur hinter sich herziehend schraubten sich Aaray und Seras von ihrer Position aus mit Jetpacks in die Höhe und feuerten ebenfalls auf den Sandwurm, der sein Vorderteil prompt in die Richtung der fliegenden Jäger wandte. Als weitere Geschosse in den mächtigen Leib einschlugen, dröhnte das schmerzerfüllte Röhren des Sandwurms so heftig über den Sand, dass man es sicher kilometerweit hören konnte und den Boden erschütterte. Einst hatte nur das Bombardement eines Shuttles einen so riesigen Wurm fällen können, aber genügend kampfeswütige mando'ade mit reichlich Granaten und noch mehr Feuerkraft schienen ähnlich hilfreich zu sein.

      Kal stemmte sich mit beiden Beinen in den Sand, um durch die Erschütterungen nicht zu fallen, doch ihre nächsten Schüsse gingen daneben. Während sie innerlich fluchend noch die nächste Energiezelle herauszog und einzulegen begann, ließ Lorsa einen Warnruf hören. Der Wurm neigte sich, und während es noch so schien, als könnte er sich halten, begann die erfahrene Kriegerin bereits wieder zu laufen. Jäh kippte der Schatten des Wurms über die beiden Frauen und ein bestialisches Kreischgeräusch erklang, während der mächtige Körper zu fallen begann.
      "LAUF!" hörte sie Aarays Brüllen über den Funk. Kal konnte sehen, dass er mit seinem Jetpack in ihrer beider Richtung schwenkte, dann 'sah' sie nach hinten nur noch eine dunkle Wand, die sich vor alles andere schob. Mit einem dröhnenden Schlag ging der Wurm auf dem Sand nieder und schob eine Bugwelle vor sich her, die auch Lorsa und Kal einholte, von den Beinen holte und unaufhaltsam mit sich riss ...

      Lienas van Arden blinzelte und blickte durch den offenen Eingang ihres Einmannzeltes in den sternenübersäten Himmel von Saffar. Irgendwo von links dröhnte das Schnarchen von Lieutenant Limsharn an ihr Ohr, irgendwo von rechts mischte sich das sehr viel leisere Schnorcheln von einem der beiden Captains herüber. Sie brauchte einige Momente, um sich nach ihrem Traum wieder in der Realität zurecht zu finden und stellte mit einiger Überraschung fest, dass ihre Augen feuchter als sonst waren.
      Dieser Traum war so bunt, so real gewesen, als hätte ihr Kopf versucht, ihre vor allem aus Sandfarben bestehende Realität anzufüllen und zu verschönern. Nach der stillen, selbstverständlichen Kameradschaft mit den anderen mando'ade fühlte sich ihr Einmannzelt seltsam leer an. Hier, im Offiziersteil des Lagers, waren die Rangunterschiede deutlich greifbar, welche jeden Diensttag begleiteten. Für Lienas und all die anderen Soldaten hatte es seit der Flucht von Dromund Kaas nur Diensttage gegeben.
      Verrückt, dass das alles schon über zwei Jahre her war. Noch verrückter, dass sie sich nun auf einem Wüstenplaneten häuslich einrichteten, der ein so vollkommenes Gegenteil zu Dromund Kaas darstellte. Aber so lange es etwas zu tun gab, dachte man nicht über die Dinge nach, die man verloren hatte, sondern richtete die Gedanken darauf hin aus, was noch vor einem lag. Entsprechend hatten die Offiziere darauf geachtet, die Soldaten mit den unterschiedlichsten Aufgaben zu fordern.

      Wüstenwürmer jagen ... was für eine verrückte Idee. Aber eine, die Aaray und den anderen vermutlich wirklich gefallen hätte. Lienas stellte mit einem milden Erstaunen fest, dass sie selbst im Traum dieselben taktischen Entscheidungen getroffen hatte, die sie auch im wachen Zustand gewählt hätte. Vielleicht wurde man gewisse Sachen selbst im Traum nicht los. Seltsam, wie genau ihr Traum-Ich genau der Vorstellung entsprochen hatte, die sie sich vor langer Zeit einmal ausgemalt hatte. Tiefer durchatmend starrte sie zu den Sternen, deren Bilder ihr inzwischen vertraut waren. Wenn man einen bestimmten Anblick oft genug vor Augen hatte, gewöhnte man sich an alles.
      Dennoch gab es so vieles, das sich für sie noch immer falsch anfühlte. Ein guter Teil ihres Selbst lag seit über zwei Jahren begraben und musste der Offizierin und der Pflicht Platz machen. Jetzt, da der Takt langsamer wurde, brach es sich wieder Bahn. Seufzend drehte sie sich im Schlafsack auf die Seite und zog ihren Handcomp aus der Kiste, um dort das Nachrichtenarchiv aufzurufen und sich eine bestimmte Nachricht herauszusuchen. Mando'ad draar digu.

      Ob Aaray und die anderen überhaupt noch lebten? Vermutlich war für die Mandalorianer der Krieg genau so schnell herangenaht wie für die imperialen Soldaten, die unverhofft ihre Heimat hatten verteidigen müssen. In den letzten Jahren war so vieles geschehen. Sie hatte von all den Ereignissen nur wenig vergessen können, eine Bürde, die von Tag zu Tag anwuchs. So viele Menschen, die davon ausgingen, dass sie richtige Entscheidungen traf, ohne zu wissen, dass auch der Lieutenant Gedanken mit sich herum schleppte, die nicht nur in die Zukunft gerichtet waren.
      Am Horizont war schon das Morgengrauen zu erkennen, der neue Tag näherte sich unaufhaltsam, und damit weitere Stunden, in denen sie zuversichtlich und unbeirrt wirken musste. Ein gutes Beispiel für die Soldaten, damit die Moral nicht litt. Noch einmal las Lienas die Worte voller Kampfeslust und dem Wissen darum, am richtigen Ort zu sein, bevor sie das Display deaktivierte und sich auf den Rücken drehte, den Blick zum Himmel erhoben.

      "Nu kyr’adyc, shi taab’echaaj’la," flüsterte sie tonlos und wartete darauf, dass sie noch einmal einschlafen würde. Hier in diesem entlegenen, anscheinend unbekannten Teil der Galaxis waren sie so gut wie tot. Wir dürfen uns nichts vormachen, diesen Krieg haben wir nicht gewonnen. Selten hatte er so nüchtern über die Lage gesprochen, aber Lienas konnte Amon Stryder nur zustimmen. Wie würde die Galaxis aussehen, in die sie zurückkehren würden, wenn sie die 'Arch of Tears' wieder einsatzbereit bekommen hatten? Gab es überhaupt noch etwas, zu dem es sich zurückzukehren lohnte? Der Sonnenaufgang auf Saffar war so schön und beeindruckend wie stets, und als das Lager zum Leben erwachte, schob Lienas van Arden ihre Gedanken beiseite und stellte sich dem herannahenden Tag.

      ------------------

      Mandalorianische Begriffe und Phrasen:
      buy'ce - Helm
      mando'ad - Mandalorianer
      Resol'nare - Die "Sechs Handlungen", Grundlage des Lebens als Mandalorianer
      shereshoy - Lebenslust
      vod - Bruder/Schwester, Kamerad


      Kote darasuum! - Ewiger Ruhm!
      Mando'ad draar digu - Ein Mandalorianer vergisst nie
      Nu kyr’adyc, shi taab’echaaj’la - Nicht fort, lediglich auf dem Marsch
      in weite Ferne (eigentlich eine Beschreibung dafür, dass jemand
      gestorben ist)
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

    • Der perfekte Moment 41: Noch nicht zuhause

      "Ich wusste gar nicht, dass der Lieutenant eine Tochter hat."
      "Was? Wer jetzt? Limsharn?" Die beiden Wachsoldaten am Tor der Kaserne Aurek-12 inmitten der Hauptstadt von Dromund Kaas wendeten die Köpfe und salutierten, als eine Frau Mitte Dreißig mit einem etwa vierjährigen Mädchen an der Hand an ihnen vorüberging und ihnen höflich zunickte. Während die Offizierin mit ihrem aufrechten Gang an ihnen vorüber schritt, schwieg der Helmfunk der beiden Soldaten, aber kaum hatten die Frau und das Mädchen ein paar Meter Abstand, nahmen die beiden Wachposten ihre Unterhaltung wieder auf.
      "Nein, van Arden. Manchmal bist Du echt so aufmerksam wie ein Stück Nexuscheiße," versetzte der rechts stehende Soldat mit einem Brummen. "Außer Limsharn hat sich jetzt Brüste wachsen lassen und ist ein paar Nummern kleiner geworden."
      "Das ist doch nicht ihre Tochter. Auch wenn sie Ähnlichkeiten haben. Das is' die Kleine von den Talvars." - "Sicher? Die Coporal ist doch so dunkel und das Mädel hat fast so helle Haare wie die Lieutenant." Der linke Posten schlug sich mit der behandschuhten Rechten auf Stirnhöhe gegen den Helm, was ein klatschendes Geräusch verursachte und einen Soldaten, welcher den Kasernenhof Richtung Fuhrpark gerade überquerte, aufmerksam machte.
      "Du bist doch echt blöd manchmal. Hast Dir mal den männlichen Talvar angeschaut? So blond wie der Lieutenant. Vielleicht sind die ja über ein paar Ecken verwandt, auf jeden Fall ist das nicht ihre Tochter, sondern Fyra Talvar."
      "Und warum nimmt sie die dann mit in die Stadt?"
      "Du weißt auch garnichts, hm? Die kleine Talvar ist doch während der Zeit auf die Welt gekommen, als der Kampfverband missed in action war. Ich hab' gehört, dass der Lieutenant auch immer mal wieder Babysitter für sie gemacht hat." Ein ungläubiges Prusten drang unter dem Helm des rechten Postens hervor. "Du nimmst mich doch auf den Arm," sagte dieser und schüttelte sichtbar den Kopf. "Van Arden wechselt doch keine Windeln und schaukelt kleine Kinder im Arm. So ernst wie die immer guckt!"
      "Im Ernst - hat mir einer von den Versorgern erzählt. Und ich hab' sie hier auch schon zwei Mal mit der Kleinen gesehen, die gehen wohl regelmäßig irgendwo hin. Museum und sowas, das volle Programm für den angehenden Offiziersnachwuchs." Beide Soldaten lachten in ihre Helme hinein, und als ein Transporter mit Versorgungsgütern auf das Tor zuhielt, war das Thema erst einmal vergessen.

      Die Vierjährige zog ihre Begleiterin energisch an der Hand voran zu einem Exponat mit riesigen, lila Blüten, deren üppige Schönheit den gesamten Raum dominierte. Das auffällige Zwitschern tropischer Vögel, welche in diesem Teil des Dschungelgeheges frei fliegen durften, mischte sich mit Wasserrauschen im Hintergrund, wo ein Wasserfall aufgebaut war, der in einem kleinen künstlichen Becken auslief. Eine Schulklasse von etwa zwanzig Schülern um die zehn Jahre wurde von ihrem Lehrer am Rand dieses mit reichlich Schilf und Farnen bewachsenen Beckens über die Flora und Fauna aufgeklärt.
      "Die sind so groß!" stellte Fyra fasziniert fest und ließ sich von Lienas hochheben, welche sich das Mädchen einfach auf die Schultern setzte, damit sie die Blüten auch noch oben bewundern konnte. "Die findet man tief im Dschungel an Plätzen mit warmem Wasser. Normalerweise sind da viele wilde Tiere und das ist ganz schön gefährlich," erklärte die Lieutenant und ließ es auch zu, dass sich die grabbelnden Kinderhändchen in ihr kurzes Haar krallten, weil Fyra nach mehr Halt suchte. "Sind da dann auch Nexu? Mit ganz großen Krallen?"
      Der erwartungsvolle Horror war dem Mädchen genau anzuhören und Lienas verkniff sich ein Grinsen. In diesem Alter mochten Kinder alles, was groß und gruselig aussah, und Fyras besondere Lieblinge waren derzeit Nexu in allen Formen und Farben.
      "Ganz bestimmt sind da auch Nexu, die so kleine Brocken wie Dich dann fressen wollen!" Lienas streckte eine Hand nach oben und kitzelte das Mädchen an der Seite mit den Fingern, wofür sie prompt mit kreischendem Gelächter belohnt wurde und prompt zu neugierigen Blicken von der Schulklasse führte.

      Erst als Fyra wirklich jede der lila Blüten einzeln betrachtet und eine wahre Horde an Fragen zu Dschungelpflanzen gestellt hatte, konnten die beiden ungleichen Besucherinnen weitergehen. Das Mädchen war neugierig und wollte bei fast allem irgendeine Erklärung haben, sodass sich Lienas in den letzten Wochen auch über die Pflanzen und Tiere auf Dromund Kaas wieder eingelesen hatte, um Fyra die richtigen Antworten geben zu können.
      Als sie etwa die Hälfte des Tropenhauses durchquert hatten und Fyra von einer Runde Vögelbeobachten so erschöpft war, dass sie nach einem kleinen Eis an Lienas' Seite gesunken und auf der Sitzbank eingeschlafen war, legte die Offizierin ihren Arm um das Mädchen und ließ sie einfach ein wenig schlafen. Zu wissen, dass ihr Fyra genug vertraute, um bei ihr schlafen zu können, war eine Tatsache, die ihr irgendwie gefiel.
      Nachdem das Regiment in den imperialen Raum zurückgekehrt war, hatte sich auch die Frage gestellt, wie der Umgang mit Fyra weitergehen sollte. Immerhin hatten die Talvars nun die Chance auf ein geregeltes, normales Familienleben, fernab von Enge und Schwierigkeiten, welche die Situation auf Saffar und an Bord der 'Arch of Tears' mit sich gebracht hatten. Doch die Entscheidung war Lienas leicht gefallen. "Tante Leutent" war längst ein fester Bestandteil im Leben des Mädchens geworden. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte es ihr auch während der Zeit auf Saffar gut getan, mit einem unkomplizierten kleinen Menschen umgehen zu können und ihre Lust am Lernen mit kleinen Aufgaben wachzuhalten.

      Sie fühlte sich so sehr an ihre Jugend erinnert, wenn Fyra mit ihr unterwegs war, an jene Zeiten, in denen sich Lienas ein paar Credits extra Taschengeld damit verdient hatte, auf ihre vielen Cousins und Cousinen aufzupassen. Inzwischen waren die Reihen der van Ardens deutlich dezimierter. Drei der Kinder, auf die sie einstmals aufgepasst hatte, waren im Militärdienst umgekommen, und dann war da noch Lorans Tod bei der Verteidigung von Dromund Kaas - eine Wunde, die auch nach fünf Jahren nicht heilen wollte. Die Welt war ohne das Lachen ihres kleinen Bruders einfach so viel leerer geworden, und dass auch Lienas' Mutter während der Kämpfe um Dromund Kaas vor dem Feind geblieben war, konnte sie noch immer nicht ganz glauben.
      Während der sich endlos hinziehenden Monate auf Saffar hatte sie sich natürlich auch Gedanken darüber gemacht, was mit ihrer Familie geschehen war. Ausser Lorans Schicksal war es ein jahrelanges Ratespiel gewesen. Fast war sie sich sicher, dass sie ihren Vater niemals wiedersehen würde, ein Admiral im aktiven Flottendienst hatte einfach so unglaublich viel mehr Chancen, im Kampf umzukommen als eine Funktionärin im Ministerium, in der Nähe der besten Orbitalverteidigung des Imperiums. Dennoch hatte das Hauptgebäude des Kriegsministeriums einige Volltreffer kassiert, welche auch die einst sicher geglaubte Bunkeranlage unter dem Hochhaus aufgerissen hatten. Im Feuerbrand der Bombardierung hatte Garcha van Arden keine Chance gehabt, wie alle anderen, die dort Schutz gesucht hatten.

      Bei jedem Hologespräch, welches Lienas nach ihrer Rückkehr mit ihrem Vater geführt hatte, hatten sie dieses Thema tunlichst vermieden, doch auch er schien in diesen fünf Jahren älter geworden zu sein, die Gesichtszüge schärfer. In einigen Wochen würde die Mission seines Flottenverbandes enden und Rory van Arden nach Dromund Kaas zurückkehren. Noch war sich Lienas nicht sicher, ob sie sich darauf freuen sollte, ihren Vater wiederzusehen. Fyra seufzte im Schlaf und drehte sich halb um, den Kopf auf Lienas' Schoß gemütlicher zurecht rückend. Sie streichelte dem Mädchen sachte über die Schulter und schloß für einige Momente lang die Augen.
      Dromund Kaas war Lienas' Geburtsplanet, und ihr Leben lang war er ihr vertraut gewesen. Die vielen Formen des Regens, die Gerüche, die Geräusche des Dschungels, die allgegenwärtigen Gewitter. Sie wusste, wie widerspenstisch die natürlichen Felsformationen im Dschungel sein konnten, wenn man versuchte, sie mit Steigeisen und purer Muskelkraft zu bezwingen. Aber nach den Jahren der Leere und Stille auf Saffar schien ihr Dromund Kaas mit einem Mal überfüllt und laut.

      In der Kargheit des Wüstenplaneten hatte die Offizierin einen Teil von sich selbst wiedergefunden, den sie lange entbehrt hatte - mit sich selbst still sein zu können, ohne Reue, ohne Wut, ohne ein dringliches Ziel. Sicher, für die meisten Soldaten der Einheit war Saffar eine einzige Prüfung gewesen.
      Sand in jeder Körperfalte, Sand überall in der Rüstung, kein Tröpfchen Wasser durfte verschwendet werden, das Leben hatte aller Annehmlichkeiten entbehrt, von denen sie nun auf Kaas wieder überreichlich kosten durften. Allein schon die Tatsache, stundenlang duschen zu können, weil Wasser in Massen vorhanden war, empfand Lienas als einen besonderen Luxus. Dennoch war ihre neue Dienstwohnung in der Kaserne bis auf die Standardmöbel noch immer leer. Im Angriff auf Kaas waren alle der wenigen Dinge zerstört worden, an denen Lienas gehangen hatte.

      Wozu wieder etwas ansammeln, wenn es ohnehin innerhalb weniger Sekunden zerstört werden konnte? Die einzigen Erinnerungen, die niemals zerstört werden konnten, waren jene in ihrem Kopf. Erinnerungen wie diesen Moment, in dem ein Mädchen mit hellblondem Wuschelschopf auf ihrem Schoß schlief und die verbrauchten Energien wieder aufbaute. Während der größte Teil des Regiments wieder zu jenem Leben zurückkehrte, das sie vor dem Angriff und den Jahren ausserhalb des imperialen Raumes geführt hatte, fiel es Lienas schwer, wieder in jenem Alltag anzukommen, der für einen imperialen Offizier vor allem aus Flimsikram, Entscheidungen über Akten und einem geringen Maß körperlicher Ertüchtigung bestand.
      War das wirklich das Leben, das sie bis zum Ende ihrer Tage führen wollte? An so manchem Tag schon hatte Lienas den Lockruf der Flotte deutlich hören können. Ein Versprechen von Abenteuer, einer gewissen Freiheit abseits des üblichen Schreibtischdienstes, den sie heute genauso wenig mochte wie damals. Man würde ihr den Weg zurück zur Navy leicht machen, dafür würde schon ihr Vater sorgen. Doch auch wenn sie diese Hilfe ablehnte, waren Offiziere mit Erfahrung derzeit überall gesucht.
      Die Arbeit in einem Regiment, welches in Kaas City Wach- und Patroillendienst absolvierte, konnte jeder Offizier absolvieren, auch welche frisch von der Akademie. Ein Posten, um zu wachsen und sich zu entwickeln, aber doch eine Straße ohne ein rechtes Ziel für jemanden, der Abwechslung zu schätzen wusste. Die Grenzen ihres Lebens auf Dromund Kaas schienen so unendlich viel enger gesteckt als auf Saffar. Noch enger als früher ...

      "Ihre Tochter?" fragte eine ältere Frau, vielleicht um die sechzig, mit einem verwitterten, wettergegerbten Gesicht und einem Veteranenabzeichen am Revers ihrer Ziviljacke. Ihr linkes Auge war blind, eine Narbe lief quer über die Stirn in jenes aus und gab der alten Dame ein unerwartet martialisches Aussehen. Sie lächelte, was ihr faltiges Gesicht wie eine überalterte Rotfrucht wirken ließ.
      "Meine .. Nichte," sagte Lienas leise und strich abermals sachte mit einer Hand über die Schulter des schlafenden Mädchens, dem der Mund halb offen stand. Ein feuchter Fleck, den Lienas am Oberschenkel spüren konnte, kündete davon, dass Fyra im Schlaf sabberte.
      "Sehr hübsches Mädchen. Passen Sie gut auf sie auf," erwiderte die ältere Dame. "Das mache ich." Einige Momente lang trafen sich die Blicke der Veteranin und der Offizierin, bevor Lienas die rechte Hand zum Salut an die Stirn hob. Wieder ein kurzes Lächeln, dann wandte sich die Veteranin von den beiden auf der Sitzbank an und hinkte langsam weiter, jeden Schritt behutsam setzend. Warum ihr mit einem Mal Tränen in den blinzelnden Augen standen, konnte Lienas nicht erklären. Schnell richtete sie den Blick auf die vielen Pflanzen in der Umgebung und wartete, bis der Reiz zu Weinen abgeflaut war, um dann tief einzuatmen. Manchmal brauchte es nicht viele Worte, um etwas bedeutsames zu sagen. Manchmal waren selbst wenige Worte zuviel.

      "Tante Lienas ..?" nuschelte Fyra leise und patschte mit der flachen Hand auf den Oberschenkel der Offizierin. "Ich hab Duuurst ..."
      Behutsam half sie dem Mädchen, sich aufzurichten und ihre Kleidung zurecht zu ziehen. Dann nahm sie die Kleine wieder an die Hand, um die kleine Cantina im Inneren des Tropenhauses anzusteuern, in der es neben dem gewünschten Getränk auch eine reiche Auswahl an Eisbechern gab. Ein Detail, welches Fyra und ihre Aufpasserin sehr sorgsam vor Fyras Mutter verschweigen würden, weil Mhae Talvar von solchen Schleckereien ganz gewiss nicht begeistert sein würde. Aber das machte den sündigen kleinen Genuss eines großen Berges Eis mitsamt einem noch großeren Berg Fruchtscheiben darauf noch ein klein wenig besser.
      Und mit jedem süßen Bissen, den Fyra und ihre Wahltante teilten, wurde das Gefühl der Entwurzelung ein bisschen geringer. Es gab Dinge auf Dromund Kaas, die vertraut waren. Gesichter, mit denen sie auf Saffar und auf der langen Suche nach einem geeigneten Stützpunkt gelitten und gekämpft hatte. Auch gelacht. Manches hatte sich geändert, entwickelt, manches war gleich geblieben. Um manches hatte sie während dieser Zeit kämpfen müssen.

      Im Grunde war es ein Neubeginn, auch wenn niemand es so nannte. Noch war Lienas jedenfalls nicht zuhause angekommen. Ab und an wünschte sie, es wäre so leicht wie für Fyra, die mit großen, staunenden Augen den neuen Planeten, den Regen und die Welt erkundete. Die einfach Fragen stellte und ausprobierte, anstelle zu grübeln. Aber mit über fünfunddreissig gelebten Jahren war es nicht mehr so leicht, alles unbefangen anzugehen.
      Lachen jedoch konnte sie noch, vor allem dann, wenn ein kleines Mädchen ihr einen Sahneklecks auf die Nase pappte. Still beschloss Lienas, diese ganzen Gedanken einfach noch einen weiteren Tag ruhen zu lassen und im Hier und Jetzt zu bleiben. Immerhin war noch eine Menge Sahne im Eisbecher vorhanden...
      "Tante Leutent, Du siehst voll komisch aus!" - "Dann schau, wie Du gleich aussehen wirst, wenn ich mit dir fertig bin ...!"
      Dieses Mal quietschte Fyra so laut vor Vergnügen, dass allerlei strafende Blicke dem ungleichen Paar zugewandt wurden, aber selten war Lienas die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung so egal gewesen wie in diesem einen, seltsam perfekten Moment.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

    • Der perfekte Moment 42: Schwarzer Sand

      Keuchend stieß sie den Atem aus und brauchte einige Momente, um sich zu orientieren. Lienas' Schädel schmerzte, während sich die Bilder ihrer letzten Träume in ihrem Inneren eingebrannt hatten und das überwältigende Gefühl von Schuld zurückließen. Von irgendwelchen Märchen über prophetische Träume, die einem die Macht eingab, hatte sie nie viel gehalten. Für einen nüchternen Realisten wie Lienas gab es derlei schlichtweg nicht.
      Sie musste mit dem klar kommen, was sie selbst zu tun imstande war, irgendwelche faszinierenden Fähigkeiten blieben anderen vorbehalten. Und die Bilder, die endlich nach dem Aufwachen irgendeinen Sinn ergaben, nachdem sie schon gut eine Woche jeden Gedanken an erholsamen Schlaf ausgelöscht hatten, zeigten eine Form der Realität, welche sie sich nur mit einer einzigen, falschen Entscheidung erklären konnte.

      Sie fiel. Wind pfiff um ihre Ohren, vergeblich tasteten ihre Hände in der Leere nach irgendeinem Halt, den es doch nicht gab. Schnell näherte sich die gelbbraune Oberfläche eines Planeten, dessen unendliche Sandweite von mäandernden schwarzen Strukturen durchzogen waren.
      Lange, schmale Finger Schwärze, welche versuchten, durch den Sand zu greifen, als gelte es, sich einen ganzen Planeten in den unbarmherzigen Griff zu nehmen. Die Luft war wie eine harte Wand, gegen die sie immer und immer wieder prallte, als sie fiel, ungebremst dem unvermeidlichen Ende entgegen stürzend ...

      Die Müdigkeit ließ sich nur schwer aus ihren Gliedern vertreiben. Wenn man eine Woche lang nur schlecht schlief oder fast gar nicht, hatte das immer Folgen. Im Einsatz konnte sich Lienas mit Aufputschern zur nötigen Leistung spritzen, wenn es nötig war, und Fragen wurden ihr deswegen in der Krankenstation in der Regel nicht gestellt. Aber außerhalb des Einsatzes musste man es irgendwie ertragen, die übliche Leistung bringen, egal wie schwer es fallen mochte. Das war der Nachteil eines festgelegten und bekannten Rollenbildes: man musste alles tun, damit es keinen Schaden erlitt, damit weiterhin alles funktionierte, wie es funktionieren sollte.
      Langsam tappte sie in das kleine Bad, welches zu ihrem Quartier gehörte und aktivierte den Wasserhahn, um sich eine Ladung eiskaltes Wasser in das müde Gesicht zu schaufeln. Der Kälteschock belebte sie ein wenig, aber die sonstige erfrischende Wirkung blieb aus. Wie lange würde sie noch von Saffar träumen, von dem Dunkel, das sie dort hinterlassen hatten? Wie lange würde sie sich noch die immer gleiche, verdammte Frage stellen müssen?

      Sand umspielte fauchend ihre Schenkel, zuerst eine sachte Liebkosung heißer Partikel, dann rauschte eine riesige Schwade eines Sandsturmes auf sie zu und wurde von der schieren Wucht dessen umgeworfen.
      Sie reckte die Hände empor, als würde es irgend etwas helfen, sich gegen diese Naturgewalt zu stemmen, doch stattdessen musste sie beobachten, wie sich das Fleisch ihrer Hände und Arme von den abertausend Partikeln des tosenden Sturmes hinfort gerissen wurde und schließlich nichts als blanker, gebleichter Knochen zurückblieb, ihre Kehle trocken von den erstickten Schmerzensschreien, die bei dieser Prozedur empor dringen wollten und doch ungehört verhallten ...

      Man musste immer Verantwortung für sein Tun übernehmen. Egal, ob man durch aktives Handeln Dinge verbockt hatte oder durch Unterlassung. Vielleicht war es das, was sie an dem neuen RsfB-Soldaten Jules Barrow authentisch und menschlich fand - dass er noch immer bestrebt war, seinen Wert für das Imperium zu beweisen, obwohl er einen tiefgreifenden, schwerwiegenden Fehler begangen hatte. Auch wenn durch diesen Fehler ein anderer Mensch ums Leben gekommen war und man nicht sicher sein konnte, ob es nicht einen weiteren Fehler dieser Art geben würde.
      Aber für das, was Lienas verbockt hatte, gab es kein Strafprogramm mit anschließender Resozialisierung. Sie musste mit diesem schwarzen Flecken auf ihrer ansonsten relativ makellosen Bilanz irgendwie zu leben lernen, es akzeptieren, dass sie feige gewesen war. Dass sie den bequemeren Weg gewählt hatte anstelle des Risikos, und dass sie nicht wusste, was daraus erwachsen war. Einige Sekunden der Unsicherheit, und sie hatte sich einschüchtern lassen. Wissend, dass es die falsche Entscheidung war, hatte sie sich der größeren Gewalt von Lord Gale gebeugt, und die einzige Möglichkeit strich vorbei, unwiderbringlich. Schon wieder müde setzte sie sich auf die Kante ihres Betts, das im Zwielicht eines herandämmernden Morgens unendlich leer wirkte.

      Im Halbdunkel der Kaverne konnte sie sich nur dank ihrer verbesserten Dämmerungssicht wirklich orientieren, der Kegel ihrer Taschenlampe war viel zu klein, um ein Gesamtbild möglich zu machen. Träge rannen in ihrem Blickfeld Rinnsale von schwarzem Teer die Wände und Decken hinab, wanden sich um ihre Füße und krochen an ihren Schenkeln wie klebrige Schlangen empor, sie festhaltend, fesselnd, sodass sie dem Stöhnen und Klagen ungesehener Stimmen nicht entkommen konnte.
      Das Kreischen dieser Stimmen schwoll an, formte einen bestialischen Schrei, der mit dröhnender Wucht in ihrem Kopf widerhallte und von welchem sie schließlich erwachte, feststellend, dass sie es gewesen war, die geschrien hatte...

      Der Schweiß trocknete auf den unbedeckten Stellen ihrer Haut und hinterließ eisige Kälte in ihrem dunklen Schlafraum. In solchen Augenblicken war ein Soldat stets alleine. Wenn ihn die Geister seiner Vergangenheit einholten und ihren kalten, unbarmherzigen Griff um das Herz des Soldaten nicht lockern wollten. Wenn man mehr Fehler sah als jene Dinge, die gut gelaufen waren wie beispielsweise beim Einsatz im Vana-System. Zwei makellose Einsätze und ein zumindest geglückter Vorstoß unter ihrer Kommandoführung im Feld, sie hätte feiern müssen. Sich dafür beglückwünschen, dass es die Leistung ihres Teams gewesen war, welche maßgeblich die reibungslose Invasion dieses Systems möglich gemacht hatte.
      Stattdessen fühlte sie sich noch immer wie an jenem Abend im Besprechungsraum auf der "Arch of Tears", bei dem Lord Gale seinen Racheplan an den auf Saffar einheimischen Rehanern dargelegt hatte. Eine biologische Waffe, welche die dreiäugigen, aggressiven Ureinwohner effektiv töten sollte, speziell auf deren Eigenheiten zugeschnitten. Konstruiert von einer ehrgeizigen Medizinerin, die ihre Arbeit viel zu gut ausgeführt hatte.

      Ein taktisch wertloses Manöver, da sie ohnehin schon kurz vor dem Abzug vom Planeten standen. Aber der Sith brannte darauf, Blutzoll für die zerstörten Leben auf Saffar zu erheben. Rache für etwas, das sich nicht mehr ändern ließ. Drei Captains und ein Lieutenant mussten diesen Willen umsetzen, allen Vorbehalten zum Trotz. Bei Captain Stryder war sie sich sicher gewesen, dass er sie unterstützt hätte, wenn sie versucht hätte, das Ganze final und mit maximalem Gewalteinsatz zu verhindern.
      Die Unsicherheitsfaktoren blieben Captain Thrace, der nicht die gnadenlose Killermentalität eines ehemaligen Agenten mit sich brachte, und Bennings, dessen Haltung zu Sith sie nicht kannte. Einen Sith bekam man nur mit überlegener Feuerkraft oder mit Überraschung klein. Oder mit beidem. Zu riskant. Und die Giftbomben waren zwei Tage später unaufhaltsam auf Saffar gefallen, um die einheimische Bevölkerung wie Ungeziefer auszurotten, ein für allemal. Gale war triumphal zum Ministerium zurückgekehrt und hatte durch den Schweiß und das Blut der Soldaten auf Saffar einige Sprossen auf der Karriereleiter empor klettern können.

      Sie schlug im Sand der Wüste auf, für einen Moment von dem irrigen Gedanken bewegt, dass ihr wieder diese verdammten Körner in jeder Körperritze scheuern würden, wenn es ihr nicht gelang, alles von sich herunterzuklopfen. In der Nähe war der schwarze Sand gut zu erkennen, nahe ihrer Einschlagstelle auf der Düne. Sachte wirbelte die Wüstenluft Sand um ihre Knöchel auf, als ihr Blick auf einen bleichen Schädel fiel, der halb versunken auf dem Boden lag. Drei Augenhöhlen, der Schädel eines Rehaners. Irritiert legte sie die Hand auf das knöcherne Relikt und hob es an, um es genauer betrachten zu können.
      Aus den toten Augen schnellten schwarze, ölige Schlangen hervor, viel zu schnell, als dass sie diesen durch das Lösen ihres Griffs um den Schädel hätte entkommen können. Die Schlangen schlossen sich wie sengende Ketten um ihre Handgelenke, und sie schrie, der Körper lichterloh in Flammen vor lauter Schmerz ...

      Ihre Bettdecke war feucht von ihrem Schweiß und sie stieß sie mit einem weiteren Keuchen von sich, sodass diese auf den Boden fiel und den verkrampften Körper der Offizierin auf ihrem Bett zurückließ. Seit sie den IGD verlassen hatte, hatte sie nur noch im Kriegseinsatz getötet. Wenn die Gegner mindestens genauso gewillt gewesen waren, sie zu töten, wie sie selbst es war, sobald sie das Schlachtfeld betreten hatte. Im Einsatz waren die Verhältnisse leicht. Beide Seiten wollten überleben, nur eine Seite konnte gewinnen. Dabei konnte es immer nur mit Blut enden, aber es endete wenigstens schnell. Nicht so langwierig und grausam, wie der Tod zu den Rehanern gekommen sein musste.

      Lienas hatte sich geschworen, dass sie ihre Leute immer lebendig zurückbringen würde, so weit sie es nur zu tun vermochte. Dieser Schwur hatte sie in ein kurz vor der Explosion stehendes Shuttle getrieben, um nachzusehen, ob jemand der Piloten überlebt hatte. Dieser Schwur hatte sie einiges an Credits gekostet, um für eine Operation von Theila Wheest zu sorgen, damit sie nicht an ihren auf Vana erlittenen Verletzungen krepierte.
      Als Soldatin, die wenige Wochen zuvor im Einsatz Befehle verweigert hatte, war Wheest im RsfB-Programm gelandet und hatte damit nur Anspruch auf minimalste medizinische Versorgung. Auch wenn Lienas der Ansicht war, dass ein Erschießungskommando für die tief in Wheest sitzende Rebellion die gnädigere Lösung gewesen wäre, gab es in diesem Fall nur eine Entscheidung.

      Ein Leben für so viele, die sie kaltblütig auf Befehl genommen hatte.
      Aber die toten, leeren Augenhöhlen in diesem Rehanerschädel konnte sie nicht ungeschehen machen. Nicht mit Geld, nicht mit Reue, nicht mit Wut oder Müdigkeit. Vermutlich hatte sie einfach noch nicht genug bezahlt. Vermutlich würde sie ihr Leben lang bezahlen müssen, weil es für eine solche Schuld keine Kompensation geben konnte. Ihr Herz klopfte noch immer schnell, sie spürte das Dröhnen ihres Blutes in den Ohren. Die Arme und Beine ausgestreckt, blieb sie einfach auf dem Bett liegen, so müde wie schon lange nicht mehr. Hätte man Erschöpfung greifen und in einen Körper stecken können, es wäre wohl der ihre gewesen. Aber ein neuer Tag wartete, der bis zur letzten Minute exakt durchgetaktet war und einen ganzen Berg Arbeit beinhaltete, welcher sich nicht von alleine erledigte.
      Sie würde einfach noch mehr Caf trinken müssen. Sehr viel mehr Caf.

      Und irgendwann hätte sie vielleicht auch genug Kraft, die Box zu öffnen, die ihr der überaus höfliche Captain Turasic von der Abteilung Veteranen- und Hinterbliebenenfürsorge vom Kriegsministerum am Tag zuvor übergeben hatte. Lorans wenige verbliebene Besitztümer, aus dem Wrack des IBC Valor geborgen, welches zu seinem Grab geworden war. Dass es überhaupt irgendwelche Dinge gab, die man hatte bergen können, war schon ein kleines Wunder. Aber gleichzeitig riss es auch eine Wunde auf, die nur schwer hatte heilen wollen und nach über vier Jahren trotz allem Abstand nach wie vor schmerzte.

      Mit den Gedanken an Loran kamen auch die Gedanken an Corporal Konders Tod, und Arrics Schreie, als der verrückte Wissenschaftler seine Augen zerstört hatte, und an überhaupt alles, das sie trotz festestem Willen nicht hatte verhindern können. Mit den Jahren war es einfach zu viel geworden. Während die Dunkelheit der Nacht vor ihren Fenstern langsam einem trüben, freudlos wirkenden Morgen wich, war es Lienas klar, dass sie nicht mehr würde schlafen können. Mühsam schob sie sich aus ihrem Bett, ließ die Decke liegen, wo sie lag, und kehrte ins Bad zurück, um es dieses Mal mit einer kalten Dusche zu versuchen. Und später würde sie sich ein paar Liter Caf bringen lassen. Mit genug Tabellen und Flimsiakten würden die Bilder vielleicht endlich in ihrem Kopf verblassen...

      OOC: Danke an den Spieler von Rey Limsharn, der durch die abartigen Träume Lienas' den Anstoß zu diesem Text geliefert hat, welcher den Auftakt für den Saffar-Plot "Schwarzer Sand" bildet.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

    • Der perfekte Moment 43: Gejagte Jäger

      Eigentlich müsste ich tot sein. Der Gedanke war wie schon in den letzten Wochen sofort präsent, als Lienas van Arden ihre Augen nach einem unruhigen, kurzen Schlummer öffnete. Noch immer war es stockfinster, die Nacht immer wieder durch Einschläge diverser Granaten oder sonstiger Schüsse für kurze Augenblicke erhellt.
      Onderon präsentierte sich nachts um kein bisschen attraktiver denn am Tage, selbst wenn man die tiefen Krater und Trümmer, welche durch die fortgesetzten Bürgerkriegsaktivitäten auf dem Planeten entstanden waren, nicht erkennen konnte. Über dem in Schatten getauchten Warb-Null-Distrikt der planetaren Hauptstadt Iziz hing seit Monaten das blutige Schwert des Todes und forderte Tag um Tag neue Opfer. Lienas streckte das rechte Bein langsam und vorsichtig aus, dann das linke. Auch wenn ihre Position in tiefen Schatten lag und sie durch den dunklen Ganzkörpertarnanzug, welcher den größten Teil ihrer Körperwärme zu absorbieren imstande war, gut getarnt lag, so konnte man nicht vorsichtig genug sein.
      Vor allem nicht, wenn man wie sie genau wusste, dass auf der anderen Seite ebenfalls geübte Scharfschützen über die ihnen anvertrauten Kämpfer wachten und nur darauf lauerten, vorwitzige Imperiale aus ihren Stiefeln zu schießen.

      Genau jene Scharfschützen aus dem Spiel zu nehmen war eine Aufgabe, die einen Könner erforderte. Und vor allem Geduld. Wenn Lienas von sich selbst und ihrer bisherigen Erfahrung ausging, so war die Zeit vor dem Schuss mindestens genau so wichtig wie der Schuss selbst. Wer nicht genug Geduld hatte, verriet sich oder handelte zu früh. Im normalen Feldeinsatz bekamen Scharfschützen Schussbefehle ihrer Vorgesetzten, hatten immer jemanden im Ohr, der ihnen einen Halt oder Sicherheit durch sein pures Vorhandensein gab.
      In Fällen wie diesen jedoch brauchte es einen Jäger, der lange Zeit ohne eine solche Krücke zu gehen imstande war, der sich auf sich selbst verließ und auch nach Tagen noch nicht zu zweifeln begann. Ein Schlachtplan starb doch stets dann, wenn er den ersten Kontakt mit dem Feind hinter sich hatte.
      Dieser, ihr über viele Tage und mit vielen kleinen, auch über Umwegen beschafften Detailinformationen ausgeheckte Schlachtplan, hatte bisher mit fünf Feinden Kontakt gehabt und überlebt. Die Feinde nicht, aber dies war der Preis einer sauberen, verschwiegenen Infiltration. Die Tode mussten so aussehen, als wären sie simple Opfer des Kampfes auf Onderon, durften nicht zu sauber sein oder überlegene Technik verraten.

      Nicht zuletzt, weil Lienas sich wie alle anderen hochrangigen Militärs auf dem Planeten sicher war, dass die Republik den vorgeblichen Freiheitskampf der antiimperialen Fraktion insgeheim unterstützte und die entsprechenden Fähigkeiten entweder auslieh oder vermittelt hatte, mit denen man das Schlachtfeld einzuschätzen imstande war.
      Während die Galaxis unter der Knute des Ewigen Imperiums gestöhnt hatte, war die alte Fehde zwischen dem Sith-Imperium und der Republik zwar erlahmt, aber nicht ausgelöscht worden. Daran hatte auch der letzte, verheerende Angriff der Ewigen Flotte und ihrer marodierenden, führerlosen Droiden nichts geändert, welcher einen hohen Blutzoll auf den wichtigsten Welten beider Seiten gefordert hatte. Noch immer standen die Schrecken jenes Kampfes zu deutlich im Gedächtnis der Offizierin.
      Es war eines, gegen Feinde anzugehen, die wie sie selbst sterblich waren und ab einem bestimmten Punkt begannen, um ihr Leben zu fürchten - oder aber es opferten, um ein größeres Ziel zu erreichen. Doch wildgewordene, rachsüchtige Maschinen, deren einziger Zweck schien, möglichst viele Lebende umzubringen, ohne dass sich dadurch ein strategischer Sinn ergab, waren etwas vollkommen anderes.

      Seit diesem Kampf, bei dem die Droiden auch in die Kaserne des Kampfverbandes eingedrungen waren und dort ihre blutige Ernte gehalten hatten, ertrug Lienas die Nähe von Droiden aller Art nur noch zähneknirschend. Jetzt im Einsatz, wo vieles durch Handarbeit erledigt werden musste, weil die Ressourcen nicht ausreichten, um Routinetätigkeiten durch Droiden durchführen zu lassen, konnte man das noch umgehen. Wenn sie nach Kaas zurückkehrten, würde es anders sein.
      Die Erinnerung daran, wie die Offiziere versuchen mussten, nur in Uniform und mit den Waffen, welche in ihren Büros lagerten, ihre mechanischen Angreifer zu Boden zu bringen, war für Lienas van Arden noch immer etwas, über das sie nicht sprach und auch nicht sprechen wollte. Jedes Knacken in einem kriegszerstörten Gebäude brachte das Gefühl zurück, mit dem die Knochen ihrer Unterarme gebrochen waren, als der Droide auf sie losgestürmt war, um sie einfach umzurennen.

      Lienas blinzelte und behielt den Blick auf die elfte Etage des zerbombten Hochhauses aufrecht. Dies war der wahrscheinlichste Sniperspot, welchen sie aus den bisher erhaltenen Informationen und Drohnenüberflugsdaten hatte rekonstruieren können. Sicher, die durch den Taktikcomputer errechneten Wahrscheinlichkeiten hatten einen anderen Punkt ergeben, bei dem einer der feindlichen Scharfschützen zu finden sein sollte. Aber ihr Gefühl sagte ihr, dass der von ihr gewählte Punkt der richtige war. Wenn sie sich irrte, war die tagelange Vorbereitung sinnlos. Und der Scharfschütze, den sie sich als Ziel ausgewählt hatte, hatte vier weitere Tage mindestens Zeit, seine Ziele zu erreichen. Er war ein Künstler, jeder Schuss war bisher ein Treffer gewesen, sauber gesetzt, nie ein falscher Winkel.
      So grausam seine Arbeit auch sein mochte, Lienas musste sein Können anerkennen. Ein solches Können erreichte niemand, der nicht warten konnte oder der sich nicht genauestens vorbereitete. Eigentlich verrückt, dass sie versuchte, ihm auf seinem eigenen Gebiet aufzulauern und ihn zu Boden zu bringen, denn alle Vorteile lagen bei ihm. Insgeheim hatte sie ihn Blackbird getauft, weil er seine Schüsse mit einer eleganten Leichtigkeit setzte, welche sie an den Flug einer auf Dromund Kaas heimischen Vogelart erinnerte. Vielleicht war Blackbird auch eine Frau, aber es fiel Lienas immer viel leichter, sich einen Gegner als Mann vorzustellen, den es auszuschalten gab.

      Blackbird schoss immer nur einmal, und wenn er sein Ziel erledigt hatte, tauchte er ab. Die Leute aus der proimperialen Miliz, die seine Angriffe überlebt hatten, hatten alle dasselbe ausgesagt: Jedes Mal war der Kopf der Gruppe ausgewählt worden, der Befehlshaber, egal, wie gleichartig sich alle Mitglieder angezogen und ausgerüstet hatten. Entweder besaß Blackbird Einblick in die Mitgliederlisten der Miliz und konnte die Gesichter trotz Vermummung und unterschiedlicher Ausrüstung erkennen, oder aber er besaß genug Intuition, um aus Gruppen von Unbekannten zielsicher die tonangebende Person herauszufinden. Das machte aus Blackbird nicht nur eine tödliche Gefahr für jede anstehende militärische Aktion, sondern auch zu einem Ziel Nummer Eins. Einen solchen Scharfschützen erwischte man nicht mit computergenerierten Wahrscheinlichkeiten, sondern mit Gefühl.
      Genau deswegen lag Lienas van Arden mit ihrem in vielen Einsätzen erprobten Gewehr auf der Lauer und blinzelte zur Not den Schmerz einer über Stunden gleichbleibenden Liegeposition so gut sie konnte weg. Sich zu bewegen wagte sie nicht. Wenn Blackbird die Person war, die sie vermutete, würde er auf solches ebenso akribisch achten wie sie selbst. Vielleicht hatte sie sich auch geirrt. Vielleicht waren ihre Gedanken in die falsche Richtung gedriftet, vielleicht interpretierte sie zuviel. Egal, wie viel Erfahrung man haben mochte, man konnte immer Fehler machen. War sie zu vorwitzig gewesen? Hatte sie zu viel auf einmal gewollt?

      Die Stunden zogen sich schlimmer als die Inhaltsstoffe des standardimperialen Energieriegels, welcher derzeit das wenig beliebte Mittag- und Abendessen der Soldaten darstellte. Wie viel Licht musste man im Inneren besitzen, um die allgegenwärtige, stille Dunkelheit einer solchen durchwachten Nacht ertragen zu können? Oder wieviel Sturheit, wenn man kein Licht in sich trug und einen nur ein eiserner Willen aufrecht halten kann? In solchen Stunden gab es kein Lächeln, keine Umarmung, keine freundschaftlichen Gespräche. Sie ließ all das hinter sich, wenn sie aufbrach, um einen Feind zu jagen, musste es hinter sich lassen, um all ihre Gedanken auf diese unbekannte Person zu richten, die ihr Ziel geworden war.
      Vermutlich war die einzige Person, die dieses Aus-Sich-Heraustreten wirklich verstand, Mhae Talvar - bald wieder Hawkins, wie es schien. Die Ärztin, welche über die vielen Jahre hinweg Lienas' Freundin geworden war, kannte diese Stunden, in denen die eigene Persönlichkeit weit hinter die Professionalität zurücktrat und erst dann wieder zurückkehren durfte, wenn die Arbeit getan war. Manchmal wünschte sie, sie könnte diesen Teil ihres selbst mit den anderen irgendwie vereinen, ein Gesamtbild bilden, wie es so vielen anderen gelang.

      Der Morgen begann zu dämmern und erinnerte Lienas daran, dass eine weitere Nacht vertan worden war. Bald würde sie ihre Position ändern müssen, um durch ihre dunkle Kleidung nicht zu leicht vor dem Hintergrund des von Trümmern angefüllten Daches erkennbar zu werden. War ihr Instinkt über die Jahre am Schreibtisch schwächer geworden? Man durfte sich einer Sache sicher sein, aber nie zu sicher, denn auch zu großes Selbstvertrauen führte zu unvermeidlichen Fehlern. Hier, im Grenzgebiet zwischen dem stark umkämpften Parkareal und dem von den proimperialen Milizen und dem imperialen Militär kontrollierten Bereich, war alles möglich.
      Bisher hatte Lienas Blackbirds Handschrift immer in diesem Gebiet erkannt, dem gefährlichsten von allen. Das Risiko für eine Entdeckung eines Scharfschützen war groß, aber ebenso die möglichen Gewinne, wenn man den Gegner dadurch demoralisierte, dass man stets seine Führungsleute erwischte. Wäre sie darauf aus, die proimperialen onderonischen Milizen und das imperiale Militär auseinander zu bringen, würde sie sich ihre Patrouillen als erstes Ziel auswählen. Der Grund, warum sie in genau diesem Haus lauerte, mit dem Blick auf das Grenzgebiet und das Zwielicht zwischen Trümmern und den Hausruinen, deren verbliebene Reste sich wie verzweifelt gerechte Finger gen Himmel richteten.

      Die erste Morgenpatrouille tauchte schließlich wie vorsichtig über den Schutt krabbelnde Insekten aus der Dunkelheit auf. Die Milizionäre waren vorsichtig und hielten sich so weit wie möglich in Deckung, nutzten jeden Schatten, der sich ihnen bot. Von ihrer Position aus wäre es Lienas schwer gefallen, einen perfekten Schuss abzusetzen, Blackbirds vermutete Position jedoch bot mehr Freiheiten. Es war die beste Position für einen Angriff auf die erste Patrouille des Tages. Sie schaltete die Restlichtverstärkung ihres HUDs ein, eine Maßnahme, auf welche sie zumeist verzichtete, da ihre Augen in diesem Lichtbereicht ausreichend sehen konnten. Doch bei Blackbird durfte sie kein Risiko eingehen, musste jeden der wenigen Vorteile nutzen, welche sie bekommen konnte. Sie presste ihre Lippen aufeinander und wartete. Die Milizionäre kletterten über ein größeres Trümmerstück und tauchten in einen Krater ab, den eine Bombe in den Vorgarten und die ersten beiden Stockwerke eines Wohnhauses gerissen hatten.

      Früher vermutlich überteuerte Wohnlage mit Parkblick, heute nur noch lebensgefährlich, dachte Lienas und blinzelte überrascht, als sich aus dem Inneren des Gebäudes in ihrem Blickfeld in gemütlicher Langsamkeit der Lauf eines Gewehrs heraus schob. Mattiertes Metall, das auch bei einem Lichteinfall nicht aufblitzen würde, staubgrau mit Flecken bemalt. Wer nicht wusste, was zu erwarten war, würde diese Waffe niemals entdecken. Mit einem Mal schnellte ihr Herzschlag in die Höhe, doch bezähmte sie ihn sofort mit den tiefen, lautlosen Atemzügen, um sich auf ihren Schuss vorzubereiten. Er war wirklich hier. Blackbird hatte so gehandelt, wie sie gehandelt hätte.
      Gute Taktik oder Glück? Oder einfach nur eine Verbundenheit zwischen zwei vollkommen Fremden, welche dieselben Schritte an denselben Ort geführt hatten? Konnte sie riskieren, dass er auf die Milizionäre schoss oder sollte sie versuchen, ihren Schuss vorher zu setzen? Ein weiterer toter Anführer der Miliz, wenn Blackbird traf. Aber einige weitere Sekunden für sie, um sich genug Sicherheit über seine Position zu verschaffen.

      Wer auch immer Du bist: Es geht nicht anders. Ein weiterer Milizanführer für viele andere, die damit sicherer sein würden. Dieser Preis war hoch, aber nicht zu hoch. Später wäre genug Zeit für Bedauern, denn dass Blackbird sein Ziel nicht verfehlen würde, dessen war sich Lienas sicher. Der Lauf seines Gewehrs lag sicher auf dem Untergrund auf, er hatte sich noch ein Stück weit nach vorn geschoben. In den Schatten war der Körper Blackbirds nur schemenhaft zu erahnen, doch das wenige Licht, welches in das Gebäude viel, reichte für einen Umriss.
      Lienas wusste, wo sein Kopf lag, und nur das musste sie wissen. Sie würde keinen weiteren Versuch bekommen. Langsam legte sie ihren Zeigefinger an den Abzug ihrer Waffe. Wenn Blackbird ein gut ausgebildeter Scharfschütze war, würde er seine Haltung einige Sekunden lang nicht verändern, um sicher zu gehen, dass sein Schuss saß, falls ein weiterer notwendig sein sollte.

      Mit dem leisen Fauchen aller Blastergewehre schickte Blackbirds Waffe einen rötlichen Bolzen auf die Reise. Ein Atemzug, ein Herzschlag, ein gekrümmter Finger. Bis zu Lienas' Position gellten die Rufe, als einer der Milizionäre zusammenbrach und seine Kameraden auf den Schuss reagierten, doch in diese Rufe mischte sich ein zweites Fauchen. Sie konnte das Gesicht des feindlichen Scharfschützen nicht sehen, als ihr Bolzen sich in jenes hinein bohrte, aber die Art, wie sein Gewehrlauf nach oben kippte, die Waffe dann zur Seite sackte und der Schatten liegen blieb, verrieten, dass sie getroffen hatte. Mann am Boden, dachte sie und wartete fünf endlose Sekunden, bis sie einen weiteren Bolzen losschicken konnte.
      Es war gefährlich, lebensgefährlich für sie, aber es musste sein. Blackbird musste tot sein, und nur ein Nachschuss ins Zwielicht gab ihr genug Sicherheit. Pfeifend schoss aus einer anderen Richtung ein grellblauer Bolzen an ihrem Kopf vorbei und schlug in den bröckeligen Putz hinter ihr ein, dann folgte ein zweiter. Heiß brennend streifte ein Finger über ihren rechten Oberarm, als sie ihre Waffe griff und sich noch tiefer in die Schatten duckte. Zeit, heimzukehren. Und wieder war sie nicht gestorben, auch wenn ihr Arm schon nach wenigen Augenblicken wie Feuer brannte.
      Eigentlich müsste ich tot sein, dachte sie und rutschte unelegant zwischen die Trümmer zurück, um sich schließlich durch ein Loch im Boden des Gebäudes nach unten abzusetzen. Dann verschluckten die Schatten die Gestalt der Offizierin und nahmen sie wie stets dankbar auf.
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'

    • Der perfekte Moment 44: Nur ein Stück Metall

      Eigentlich müsste ich tot sein. Ihr altes Credo, welches seit dem Einsatz auf Onderon jeden Morgen der erste Gedanke war, der Captain Lienas van Arden in den Tag starten ließ, wollte auch im eigentlich feierlichen Augenblick nicht weichen, als Lord Vharga in ihrer Ansprache lobende Worte fand. Sehr lobende Worte, wenn man es recht bedachte. Aus dem Mund einer Sith doppelt und dreifach wert, doch wollte sich die zu erwartende Hochstimmung über eine so öffentliche Auszeichnung nicht einstellen.
      Perfekt aufgereiht standen die Soldaten auf jenem Platz inmitten von Kaas City, die Uniformen faltenfrei gebügelt, die Stiefel blank poliert, die Rangabzeichen blitzend und blinkend. Ein schöner Anblick, wenn man Symmetrie zu schätzen wusste. Aber auch ein Anblick, in dem Lücken klafften. Siebzig Mann hatte Trupp Rot-Blau umfasst, der beim Angriff auf das Aufständischenlager ins Kreuzfeuer der Verteidiger geraten war und sich nicht schnell genug hatte befreien können. Acht von siebzig hatten den Angriff überlebt, alle anderen waren entweder auf dem Schlachtfeld geblieben oder später beim verzweifelten Versuch, ihre Leben auf medizinische Weise zu retten, doch noch gestorben.

      Natürlich sprach das Kommando von einer erfolgreichen Aktion. Schließlich war das Ziel, den Aufständischenvorposten einzunehmen und das Hauptlager einzukreisen, um es einige Tage später aus einer günstigeren Position einzunehmen, erreicht worden. Mit zweihundert von insgesamt zweitausend Mann waren sie ausgerückt, nur hundertachtunddreissig waren zurückgekehrt. Wieder zweiundsechzig Briefe an Angehörige, Ehefrauen, Kinder, Verlobte. Sie musste Erklärungen geben, die sie eigentlich nicht geben konnte, denn wie fasste man 'Schlachtfeldpech' in tröstliche Sätze?
      "Es erfordert Mut, Integrität und einen wachen Verstand, um in einer ausweglosen Situation ein Opfer für den Sieg unseres Imperiums zu riskieren."
      Über diese Worte von Lord Vharga durfte Lienas gar nicht länger als nur irgend nötig nachzudenken, denn je länger sie diese im Kopf wälzte, desto bitterer schmeckten sie. In diesem einen entscheidenden Moment hatte sie nicht an das Imperium gedacht, nicht an den großen Sieg, nicht an einen möglichen Tod. Nur daran, dass eine Jedi vor ihrem Kampftrupp stand, die mit ihrem Lichtschwert jeden Blasterschuss mit Leichtigkeit reflektierte.
      Wenn der Fernkampf nicht funktioniert, musste man den Nahkampf als Option in Betracht ziehen, um einen Gegner auszuschalten. Das hatte weder mit Opferbereitschaft noch mit Integrität viel zu tun, sondern einzig und allein mit einem Zahlenspiel, das in ihrem Kopf vonstatten gegangen war. Nahkampf war riskanter, erhöhte aber die Überlebenschance des Kampftrupps deutlich.

      Wer hatte erwarten können, dass im größten Raum des Aufständischen-Hauptlagers auf Dromund Fels eine Jedi mit Kommandosoldaten auf die Imperialen wartete? Ein Relikt wollte die Jedi schützen, welches sie als so wichtig erachtete, dass sie bereit war, ihr Leben dafür in die Wagschale zu werfen. Ein Kampf war unausweichlich, wenn zwei so unterschiedliche Ansichten aufeinander prallten. Im Rückblick darauf fühlte Lienas einen dumpfen Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel pochen, an genau jener Stelle, an der die Lichtklinge wie ein Blitz durch ihr Fleisch gezuckt war und ein Loch hinterlassen hatte, durch das mit mit ausreichend morbidem Humor sogar hätte hindurch blicken können.
      Eine Woche hatte es gedauert, genug Fleisch nachzuzüchten, um dieses Loch wieder zu füllen, eine Woche, in welcher die Wunde künstlich offen gehalten worden war und die Lienas auf der Quarantänestation hatte verbringen müssen, um das Risiko irgendwelcher Infektionen zu vermeiden. Der Schmerz war abgeklungen, aber ihr Bein fühlte sich noch immer fremd an. Ohne Gehstock war längeres Stehen und Gehen trotz des Aufenthalts im Koltotank nach der OP noch nicht möglich. Fleisch heilt, hatte sie selbst abwiegelnd gesagt, als sich die Sklavin der Nexusraumcantina nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Andere hatten das Glück nicht gehabt, sich mit einem Gehstock abplagen zu müssen. Noch immer kam es ihr feige vor, der Behandlung mit Sedativa zugestimmt zu haben, die sie mehrere Tage lang einfach ausgeknockt hatten.

      Doktor Talvar - wieder Talvar, nicht mehr Hakwins, eine erneute Heirat mit demselben Mann wie beim ersten Mal, die Lienas noch weniger verstand als so manch andere Dinge in der letzten Zeit - hatte so lange insistiert, bis sie nachgegeben hatte. Traumlose Betäubung ... träumen wollte Lienas wirklich nicht im Moment. Die Tage waren schnell verstrichen, keine neuen Nachrichten vom Major. Zwölf Stunden Schlaf, immer die gleiche Antwort. Der bittere Geschmack im Mund, der von den Betäubungsmitteln herrührte, hatte schließlich ihren Kopf erfüllt.
      Die Stunden im Koltotank hatten sich wie stets in die Länge gezogen, die grünliche, wabernde Masse hatte die Welt abgedämpft, nicht aber die Gedanken, die unweigerlich wieder auf die Reise gingen. Kreisende Gedanken, welche sich immer wieder mit denselben Fragen beschäftigten und doch keine Antwort fanden.
      Hätten sie eine andere Taktik für Team Rot-Blau wählen sollen? Hätten sie den Trupp Rot schneller vorrücken lassen sollen? Hätte das alles vermieden werden können, wäre sie mit Rot-Blau im Feld gewesen anstelle im Scharfschützennest zur Deckung des Angriffs? Hätte der Major das Relikt erkundet, wäre sie nicht verletzt gewesen? Hätte ein anderer Unteroffizier den Vorstoß von Rot-Blau zu einem Erfolg führen können?

      Der Tapferkeitsorden in Gold landete in jener Schublade, in welcher sie alle anderen Auszeichnungen aufbewahrte, die sie in den letzten Jahren gesammelt hatte. Jedes einzelne Stück Metall eine Erinnerung an Blut und Risiken, aber auch daran, dass andere es nicht geschafft hatten.Was sich wohl Specialist Obyr gedacht haben mochte, als er für seinen verlorenen Arm auch ein Stück Metall angeheftet bekommen hatte?
      Noch immer war Lienas der Ansicht, dass ihre kleine Rede bei der Auszeichnung Obyrs nicht einmal im Ansatz hatte umfassen können, was er verloren hatte, aber mehr als Worte und Metall konnte sie ihm nicht geben. Nur ein paar Sekunden mehr und er wäre ein Sprühregen aus Fleisch und Blut geworden, im Versuch, in einem allzu engen Raum die Kameraden zu beschützen. Bei Granaten war das Risiko noch sehr viel höher als bei einem Jedi, da man nie wusste, wie lange sie vor dem Wurf bereits scharf gewesen waren.

      Eine Sekunde mehr und es hätte anstelle eines Stücks Metall einen Sack gegeben, wenn überhaupt. Aber solche Fragen stellte man nicht, und man beantwortete sie vielleicht allerhöchstens nach einer sehr großen Menge Alkohol, in einem schwachen Augenblick unter Kameraden. Sie musste darauf vertrauen, dass die anderen Mannschafter Obyr beistehen würden, denn dafür würde Lienas selbst keine Zeit bleiben. Vielleicht sollte sie Sergeant Syko darum bitten, mit Obyr zu sprechen. Kavan Sykos Erfahrungen mit verlorenen Gliedmaßen konnten seinem Kameraden vielleicht helfen. Ein ordentliches Besäufnis unter Männern, gemeinsames Schimpfen über unglückliche Umstände, zotige Witze. Vielleicht aber wollte der Specialist seine Wunden alleine lecken. Zu viele Unbekannte in der Gleichung. Zu unsichere Faktoren für eine präzise Kosten/Nutzenrechnung.

      Der nächste Morgen nach der quälend langen Feier nahte früh heran. Wenig Schlaf, ein allzu stilles Quartier, dessen Kargheit Lienas' Entscheidung reflektierte, nicht noch einmal persönliche Gegenstände anzusammeln und das Herz an irgendwelche Dinge zu hängen, welche allzu leicht verloren gehen konnten. Das Bein pochte, als sie sich erhob und im Reflex nach dem Gehstock griff, um aufrecht stehen zu können. Rein medizinisch war die Wunde verheilt, das Kolto hatte seinen Dienst getan. Fleischfasern waren mit Fleischfasern sauber verwachsen, der Muskel bekam das nötige Spiel in ihrem Bein. Glücklicherweise war der Lichtschwerthieb am Knochen vorbei gegangen, hatte nur Fleisch zerstört. Fleisch heilt.
      Ihre morgendliche Routine war mit dem Verschwinden von Major Stryder zerstört worden. Keine Morgenbesprechung, kein gemeinsamer Lauf, wie sie es vor einigen Jahren aufgenommen hatten, um die zum Teil zerstörte Lunge des Majors wieder an Anstrengung zu gewöhnen. Nun war sie der amtierende kommandierende Offizier des Regiments, der Major im Einsatz vermisst. Laut Bergungsdienst war dieses Relikt, welches die Jedi so dringend hatte beschützen wollen, anscheinend eine Art Portal gewesen, dazu imstande, eine Person an irgendeinen anderen Ort zu schleudern. Welcher Ort dies sein mochte, wussten sie nicht. Ob der Major das Ganze überlebt hatte, ebenfalls nicht. Tatsache jedoch war, dass sein Fehlen eine Lücke hinterließ, die anscheinend nur für Lienas selbst zu bemerken war.

      Es hatte ihr die Feier vergällt, die Mannschafter an der Theke stehend zu sehen. Natürlich hatten sie sich ihre Beförderungen und Auszeichnungen redlich verdient. Natürlich hatten sie sich auch die Freude verdient, die sie beim Miteinander empfinden mochten.
      Diese Freude jedoch konnte sie nicht teilen. In dieser Menge an Soldaten, die ihre Sorgen und Erinnerungen für einen Abend zurückließen, sah sie nur die Lücken. Sergeant McCormick, welcher sein Leben auf Dromund Fels gelassen hatte, dazu die anderen einundsechzig Mann seines Trupps. Major Stryder, verschollen mit unbekanntem Schicksal.
      "Vermutlich fühlt sich so eine Amputation an. Ein wichtiger Teil, der einfach ... fehlt. Von jetzt auf nachher. Ohne Erklärung, ohne Vorbereitungszeit. Und dann nur noch Leere."
      Die vielen Toten, welche ihr Leben in all den Jahren umgeben hatten. Ihr eigener Bruder, dessen Gedenkplakette nun an einer dafür bestimmten Erinnerungsmauer in Kaas City prangte und dessen Name nur einer unter vielen tausend anderen war. Wenn man weit genug von dieser Gedenkmauer entfernt stand, verschwammen die Plaketten miteinander und bildeten ein Meer an sachte schimmerndem Metall. Wenn man starb, wenn man ein Körperteil verlor, wenn man überlebte und andere starben, dann bekam man Metall. Irgendwann würde alles Metall der Galaxis nicht mehr ausreichen, um die ganzen verloren gegangenen Leben aufzuwiegen ..

      Lienas blickte in den Spiegel ihres kleinen, zum Quartier gehörenden Bades und fuhr noch einmal mit dem Kamm durch ihr Haar, die letzte vorwitzige Strähne bändigend, welche sich der Ordnung ihrer kurz geschnittenen Militärfrisur widersetzte.
      Der erste Termin des Tages würde der schwerste von allen sein. Der Fahrer wartete bereits auf sie und brachte die Offizierin und den Protokolldroiden der Kommandoebene mit dem besten Gleiter der dem Sturmregiment zur Verfügung stehenden Fahrbereitschaft in ein einfaches, aber wohlgeordnetes Viertel von Kaas City. Im siebzehnten Stockwerk des am Rand eines kleinen Platzes stehenden Hochhaus befand sich ihr Ziel.
      Stumm bewachte eine Statue von Darth Mortis den sauber gehaltenen Platz, dessen kriegerische Rüstung im allgegenwärtigen Regen glänzte, als bestünde sie aus Metall und nicht aus Stein. Für einen irrigen Augenblick überlegte sie, sich wieder in den Gleiter zu setzen, andere Termine vorzuschützen und das alles von jemand anderem erledigen zu lassen. Darth Mortis' strenge Gesichtszüge verliehen seinem Antlitz etwas Missbilligendes, sodass Lienas im Schutz des Fond leise seufzte und sich zwang, die Gleitertüre zu öffnen.

      Als sie den Türsummer des Apartments 8-Cresh betätigte, dauerte es einige Momente, bis sich die dazugehörige Türe öffnete: eine junge Frau mit einem blubbernd quäkenden Säugling auf dem Arm öffnete und blickte Lienas aus rotgeweinten Augen fragend an.
      Es dauerte einige Momente, in denen die junge Frau die Rangabzeichen der Offizierin betrachtete, die Mütze auf dem hellblonden Haar, den ernsten Gesichtsausdruck, ihre leicht schiefe Haltung, auf einen Gehstock gestützt. Dazu den hinter Lienas stehenden Protokolldroiden mit der kleinen, neutralen Metallkiste im Arm, dessen metallenes Gesicht nicht minder neutral wirkte als die Wände des Hochhauses. Die grünen Augen der jungen Frau begannen in der stummen Erkenntnis des Besuchszwecks zu schimmern.
      "Mrs. McCormick, mein Name ist Captain van Arden vom 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas', der Einheit Ihres verstorbenen Gemahls. Ich bin hier, um Ihnen die Abzeichen und die persönlichen Gegenstände Ihres Mannes aus seinem Spind in der Kaserne zu überbringen. Ich war auf dem Schlachtfeld anwesend, als er ums Leben kam und möchte Ihnen für etwaige Fragen zur Verfügung stehen ..."
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'
    • Neu

      Der perfekte Moment 45: Niemals genug

      "Captain van Arden, gemäß imperialer Richtlinien ist nun eine Bergung sowie Obduktion der beiden gefallenen Kameraden des letzten Einsatzes erfolgt, womit ich Sie hiermit zwecks Kondolenzbenachrichtigung formal in Kenntnis setze."

      Die Schriftzeichen auf dem Display der Arbeitskonsole von Captain Lienas van Arden flimmerten vor ihren Augen. Es war längst Nacht geworden und während der Regen von Dromund Kaas leise gegen die raumhohen Fenster ihres Büros trommelte, lehnte sich die Offizierin in ihrem Schreibtischstuhl zurück und schloss für einige Momente lang die Augen. Egal, welche Namen und Dienstnummern nach dieser Standard-Einleitung genannt werden würden, die Pflicht blieb dieselbe. Kondolenzschreiben für die Angehörigen, zwei weitere für die gefühlt ewig lange Liste der Gefallenen der letzten Jahre.

      Inzwischen hasste sie diese Aufgabe von ganzem Herzen, hielt sie aber nach wie vor für wichtig genug, um sie nicht an irgend einen ihrer Untergebenen zu deligieren. Es vermittelte denjenigen, die mit einem bitteren Verlust leben mussten, zumindest für einen Moment den Eindruck, dass man den Tod der Gefallenen nicht marginalisierte. Vielleicht war es für manche sogar ein Trost, wer wusste das schon. Im Lauf der letzten Jahre, in denen sie diese bittere, immer wiederkehrende Pflicht erfüllt hatte, schienen ihr die von ihr geschriebenen Worte ganz gleich welcher Art nur ein schales und leeres Echo, niemals genug, um ein Leben in seiner Gänze zu erfassen.

      RfsB Winia Horan, Dienstnummer 04NCOM-WHA1036215
      RfsB Palin Janso, Dienstnummer 11VCDK-PJA1092174

      Zwei RfsB-Soldaten auch noch, Strafsoldaten, die durch ein gravierendes Verbrechen ihre Bürgerrechte verwirkt gehabt hatten - eine Schande für die jeweilige Familie und mögliche Ehepartner. Dass diese RfsBler überhaupt einem Erschießungskommando entgangen waren, lag am nach wie vor vorhandenen Mangel an Soldaten. Die Lage war zwar längst nicht mehr so verzweifelt wie während und unmittelbar nach der Zakuul-Herrschaft, aber doch noch spürbar anders als zu der Zeit, als sie zur Infanterie gewechselt war. War das wirklich schon gute zehn Jahre her?

      Zwei im Einsatz gefallene RfsB-Soldaten waren rein verwaltungstechnisch noch nicht einmal einen personalisierten Kondolenzbrief wert, da man sie nicht mehr als wertvollen Teil der Gesellschaft erachtete. Dennoch, sie hatten dafür gesorgt, dass andere Soldaten ihre Pflicht tun und den Einsatz zum Erfolg führen konnten, es gab Eltern, die nach ihnen fragen würden - und das war für die Offizierin ausreichend.

      Kamassra schnarchte in voller Lautstärke in seiner Box unter ihrem Schreibtisch. Trotz der spürbaren Lärmbelästigung durch den schlafenden Zierblurrg verliehen die an- und abschwellenden Geräusche dem nüchtern eingerichteten Raum ein gewisses Gefühl von Vertrautheit. In ihrem Büro gab es bis auf einen Cafbecher mit Einheitslogo keine persönlichen Gegenstände, ihr einziges Zugeständnis an ihren persönlichen Komfort stellten die wenigen, aber gut gepflegten Zimmerpflanzen dar.
      Und natürlich die Blurrg-Schlafbox, welche sie nach der Anschaffung des schwarz-weißen Zuchttiers mit preisgekröntem Stammbaum ebenfalls gekauft und an dem einen Ort deponiert hatte, an dem sie die meisten Stunden des Tages verbrachte.

      "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihre Tochter Winia bei einem Einsatz für die Sicherheit der Bürger von Dromund Kaas zu Tode gekommen ist. Sie hat sich in den letzten Wochen sehr bemüht, durch vermehrten und stetigen Einsatz ihren Status als Bürgerin des Imperiums zurück zu erlangen und zögerte nicht, für die Erreichung des vorgegebenen Ziels das höchste Opfer zu erbringen ..."

      Der Zierblurrg hatte sich in den letzten Wochen und Monaten als zuverlässiger, unkritischer und vor allem völlig haarfreier Gefährte erwiesen und erhellte der Offizierin den Dienstalltag, der sich seit ihrer Kommandoübernahme einmal mehr trostloser als zuvor gestaltete. Die immer gleich ablaufenden Tage erinnerten sie an die Zeit nach dem Einsatz auf Onderon, in welcher der Major missed in action gewesen war. Dieses Mal wusste Lienas zwar, wo sie den ehemaligen kommandierenden Offizier des Sturmregiments finden konnte, da er nun im Ministerium Dienst tat.

      Aber die Lücke, die er in ihrem Tagesablauf hinterließ, war merklich. Keine morgendlichen Besprechungen, kein Morgenlauf, kein irgendwann nachmittags gemeinsam getrunkener Caf - es war erstaunlich, wie sehr man sich an solche eigentlich unerheblichen Rituale gewöhnen konnte. Als Kamassra im Schlaf gluckste, schob sie ihren Schreibtischstuhl ein Stück zurück und betrachtete den in seiner Box bequem eingerollt liegenden Zierblurrg. Eines seiner Hinterbeine zuckte im Schlaf.

      Was er wohl träumen mochte? Vielleicht rannte er auf Panasch mit den anderen Zuchttieren im Gehege umher. Vielleicht war er in seinen Träumen ein mächtiger Kämpfer, der seine Umgebung terrorisierte und einen kleinen Harem weiblicher Blurrgs beschäftigte? Lienas neigte sich zur Box herunter und streichelte den schlafenden Zierblurrg behutsam.
      Inzwischen wusste sie, wieviel Druck sie ausüben konnte, um ihn nicht zu wecken. Das Tier räkelte sich unter ihrer Berührung und drehte sich prompt auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Als er ein leise gurrendes Geräusch von sich gab, schmunzelte sie einen Moment lang und widmete sich wieder dem Display auf ihrem Schreibtisch.

      "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Sohn Palin bei einem Einsatz für die Sicherheit der Bürger von Dromund Kaas zu Tode gekommen ist. Er war unter seinen Kameraden wegen seines Humors beliebt und erwies sich im Dienst wie auch außerhalb des Dienstes als sehr hilfsbereit. Im Augenblick der Gefahr zögerte er nicht, für die Erreichung des vorgegebenen Ziels das höchste Opfer zu erbringen ..."

      Warum nur fielen ihr diese verdammten Kondolenzbriefe so schwer? Schon bei den ersten hatte sie stundenlang nach den richtigen Worten gesucht, um dem unwiederbringlichen Verlust eines Lebens gerecht zu werden. Damals auf Jaguada hatte sie diese Pflicht freiwillig übernommen und irgendwie war ihr diese Aufgabe erhalten geblieben.
      Die Zeit auf Fort Asha lag so weit in der Vergangenheit, dass es sich für Lienas manchmal wie ein anderes Leben anfühlte - das Leben vor Saffar. Und dieses Leben nach Saffar schien noch immer nicht zu passen, wie eine Uniform, die ihr eine Größe zu eng geworden war. Ein Leben, das ebenso wenig zu ihr gehörte wie dieser neue Rang, eine Aufgabe, die sie nie gewollt hatte und nun doch ausfüllte.

      Sie zog langsam die oberste Schreibtischschublade auf und nahm den schmalen Waffenkoffer heraus, der dort seit der Kommandoübergabe-Feier untergebracht war. Im Inneren befand sich, auf dunkelrotem Samt lagernd, ein schwerer Handblaster militärischer Bauart, die Technik etwas veraltet, aber in ausgezeichnetem Zustand.
      Lienas' Blick schweifte über die kleineren Kratzer und Schrammen auf dem Gehäuse, mit einer schmalen, hochwertig gravierten Plakette auf dem Systemgehäuse. Kurz entschlossen nahm sie den Blaster heraus, aktivierte ihn und prüfte die Waffe routiniert auf Funktion. Das Gewicht des Blasters lag gut in ihrer Hand, schmeichelte ihren Fingern. War sie es wert, dieses Erbe anzutreten?

      Bisher hatte sie es nicht über sich gebracht, dieses geschichtsträchtige Geschenk des ehemaligen Standortkommandanten von Fort Asha, Colonel Sordan, tatsächlich zu benutzen. Der Blaster war ihm einst von seinem Dienstvorgänger vererbt worden, und nun hatte er ihr seine Waffe zugedacht, mitsamt einer Namensgravur, der ihr die Waffe zueignete. Und doch - die Fußstapfen, die damit verbunden waren, schienen unendlich groß, ganz egal, was Colonel Sordan selbst denken mochte.

      Ob er sich in dem Moment, in welchem sein ehemaliger Kommandant ihm seine Waffe gegeben hatte, genauso hilflos und ziellos gefühlt hatte wie sie an jenem Abend? Sie legte die Waffe sachte auf ihren Schreibtisch und öffnete das Holster am Gürtel. Darin befand sich ihre bisherige Standard-Dienstwaffe, diese legte sie nahezu lautlos neben dem Blaster mit Geschichte ab. Die Kontraste hätten nicht deutlicher sein können. Etwas klobigere Machart mit Schrammen gegen schlanke, moderne Effizienz mit weitaus weniger Charakter.

      Der Gedanke, in Colonel Sordan seit damals einen wohlwollenden Unterstützer zu haben, war tröstlich. Er hatte immer verstanden, warum ihr die Briefe wichtig waren, warum es wichtig war, sie selbst zu schreiben. Als sie den etwas antiquierten Handblaster in ihr Holster schob, fühlte es sich richtig an. Irgendwann war es genug mit den Gedanken, und man musste handeln. Genau wie sie irgendwann immer mit dem Schreiben der Briefe fertig wurde und sie abschicken musste, wohl wissend, dass sie damit Schmerz und Verlust in Familien brachte, die davon zuvor nichts geahnt hatten.

      "...so kann ich Ihnen nur aus ganzem Herzen mein Beileid aussprechen und betonen, dass ich mir einen anderen Ausgang des Einsatzes gewünscht hätte. Ihr Kind wird nicht vergessen werden."

      Kamassra schnaufte genüsslich und rollte sich platt auf seinen Bauch, um lautstark einen knatternden Furz fahren zu lassen. Der von unten aufsteigende Geruch stank so schlimm, dass Lienas für einen Moment stark in Versuchung war, sich den Helm ihrer Kampfrüstung über den Kopf zu stülpen - aber dann entschied sie sich doch dafür, einfach nur zu lachen und sich mit einer Hand frische Luft entgegen zu wedeln.
      Der Zierblurrg schrak aus seinem Schlummer auf und gab ein verwirrtes Gurren von sich, bis Lienas ihn hoch hob und auf ihren Schoß setzte, um ihn mit einem Streicheln zu beruhigen. Trotz der Giftgasattacke waren die trüben Gedanken mit einem Mal fort, das Leben hatte sich unweigerlich vor den Tod geschoben.

      Kamassra mit einer Hand kraulend, unterschrieb sie beide Kondolenzbriefe, schickte sie ab und markierte diesen Teil des Verwaltungsakt in beiden Akten als erfüllt. Dann öffnete sie eine neue Anforderung, um die Technikabteilung darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie ihre bisherige Dienstwaffe abgeben wollte, um sie durch eine andere zu ersetzen.
      Ihr Alltag, bestehend aus Anweisungen, Akten, Vermerken und Pflichten. Aber mit einem zufrieden gurrenden Blurrg auf dem Schoß und dem Wissen, dass es auch auf sie Menschen warten würden, ließ er sich ertragen. Vielleicht eines Tages sogar meistern.

      "Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit kontaktieren.

      Hochachtungsvoll,
      Captain Lienas van Arden
      Kommandierender Offizier
      17. Sturmregiment "Dromund Kaas"
      Blog: Nerd-Gedanken | Nerd-Gedanken auf YouTube: Rollenspiel, Survival & mehr
      Gildenwebsite: 17. Sturmregiment 'Dromund Kaas'